Montag, 31. Dezember 2007

Das neue Jahr...

Gerade habe ich meinen letzten Blogeintrag aus 2006 gelesen. Ich habe mir ebenso viele Gefühle und Emotionen für 2007 gewünscht, wie ich sie auch in 2006 hatte. So gesehen war dieses Jahr ein voller Erfolg *Grins*. Aber auch abgesehen davon war es ein schönes Jahr, in dem ich sehr viel erlebt habe und auch immer mal wieder das Gefühl hatte mir selber ein Stück näher gekommen zu sein.

Ich habe mich beruflich (leicht) verändert was einerseits einiges mehr an Belastung mit sich gebracht hat, andererseits aber auch Motivation und Energie. Viel mehr als das Berufliche freue ich mich aber über das Private, denn ich habe in diesem Jahr einige sehr spannende Menschen kennen gelernt. Daraus haben sich teilweise sogar gute Freundschaften entwickelt. Das schätze ich ungemein und eigentlich habe ich nicht wirklich vor in meinem Leben für 2008 etwas aktiv zu ändern. Allerdings bin ich jetzt schon sehr gespannt, was das Leben für mich ändert .

My Sister’s Keeper – Jodi Picoult

I have just finished the book that I have spent my time with for the last two days. If I'm not totally mistaken, it's the first English novel I have read after my school days in Singapore - Actually surprising. At first it was a bit strange to read a novel in English since that language became somewhat a synonym for business terms 'cos that's where I mainly use it nowadays.

It all started a few days ago at a private party where we started talking and philosophising about books that we read. One suggestion was 'My sister's Keeper'. When I first heard about the content of the book, I thought along the lines of systemic family therapy because I remembered sessions with similar topics in a seminar that I took during my university years in England. So my interest was somewhat of a more academic flavour - but that changed pretty quickly.

Anna is 13 and just hired a lawyer to file a petition for medical emancipation against her parents. Her sister Kate suffers from a severe form of leukaemia and in fact, Anna seems to have been conceived as a donor for bone marrow to allow Kate to survive. The older Anna gets, the more invasive the invasions become and at this point in time she seems to rebel against the wish of her parents, taking her fate into her own hands. Or is it the lack of attention she receives from her parents? Or is it something completely different that she is up to?

The further one progresses in the novel, the more one realises that this novel is not about the moral of genetic engineering or the ethical impact of organ transplants. These would be topics addressing the whole society on an abstract level. This novel is in my view on a pure empathic and personal level. It is about finding out who we are, about finding ourselves and discovering our abysmal as well as our beautiful sides and thus many passages addressed my very own feelings and also sparked a number of tears. In this aspect there are quite some parallels to the previous books in this blog.

Typically I also cite paragraphs or passages from the books that I read in order to fill the silhouettes I paint with the colours of the book. However, in this case I would like to cite a completely different book that I have read a few years ago. But in my view this directly addresses the heart of 'My Sister's Keeper'. It's a passage from "Der Prophet" by Khalil Gibran (and I'm sorry for the language, but I only have this book in German):

[...]
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, doch nicht aus euch,
Und sind sie auch bei euch, gehören sie euch doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihren Körpern dürft ihr eine Wohnstatt bereiten, doch nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus der Zukunft, und das bleibt euch verschlossen, selbst euren Träumen.
Ihr dürft danach streben, ihnen ähnlich zu werden, doch versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben schreitet nicht zurück, noch verweilt es beim Gestern.

[...]

Dienstag, 25. Dezember 2007

Narziß und Goldmund – Hermann Hesse

In gewohnt bildlicher und anmutiger Sprache führt uns Hesse ins ausgehende Mittelalter nach Süd-Deutschland. Dort trifft der junge Goldmund, der von seinem Vater aufgezogen wurde und seine Mutter nie richtig kennengelernt hat auf den jungen Lehrer Narziß, der ihm in so vielen Dingen überlegen erscheint. Narziß ist ein junger Gelehrter und Menschenkenner, der trotz seines jungen Alters in Disziplinen wie der Philosophie, Griechisch oder Latein bereits vielen der alt eingesessenen Lehrer überlegen ist. Schon bald entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den Beiden obwohl am Anfang völlig unklar ist, wo das verbindende Element in ihrer Freundschaft und die Faszination der Beiden füreinander liegt. Zwar strebt Goldmund danach ebenso gebildet und wortgewandt wie Narziß zu werden, doch bereits nach den ersten Kapiteln wird klar, dass er dies nie erreichen wird. Dies führt auch im Roman zu einer Schlüsselszene, in der Narziß Goldmund mit dieser Tatsache konfrontiert und so heftigste Reaktionen in Goldmund auslöst. Nach einer fast sprichwörtlichen ‚Neugeburt’ beschliesst Goldmund das Kloster zu verlassen und die Welt zu bereisen.

„Er [Anm.: Narziss] sah Goldmund aus geheimen Quellen her mit Kräften gespeist, die ihm selbst fremd waren; er hatte ihr Wachstum fördern können, hatte aber keinen Anteil an ihnen. Mit Freude sah er den Freund sich von seiner Führerschaft befreien und war doch zuweilen traurig. Er empfand sich als überschrittene Stufe, als weggeworfene Schale.“

Als Leser folgen wir Goldmund nun auf seinem jahrelangen Weg durch das Land auf dem er sich, ganz im Unterschied zu Narziß, der Wollust sowie der Kunst hingibt und Stück für Stück seine eigene, ihm lange verborgende Identität entdeckt. Immer wieder lässt uns Hesse dabei ganz tief in die Seele Goldmunds blicken und die tiefe Zerrissenheit zwischen der Hingabe an das Leben und der Hingabe an die Kunst erkennen.

„Es war ja schmählich, wie man vom Leben genarrt wurde, es war zum Lachen und zum Weinen! Entweder lebte man, ließ seine Sinne spielen […] dann gab es zwar manche hohe Lust, aber keinen Schutz gegen die Vergänglichkeit […]. Oder man setzte sich zur Wehr, man sperrte sich in eine Werkstatt ein und suchte dem flüchtigen Leben ein Denkmal zu bauen – dann mußte man auf das Leben verzichten, dann war man bloß Werkzeug, dann stand man zwar im Dienst des Unvergänglichen, aber man dorrte dabei ein und verlor die Freiheit, Fülle und Lust des Lebens.“

Nach vielen Jahren treffen Narziß und Goldmund dann in einer äusserst bedrohlichen Lage aufeinander und ihre Freundschaft lodert erneut auf. Goldmund folgt Narziß, der mittlerweile Abt des Klosters geworden ist zurück in seine alte Heimat und widmet sich dort ganz seiner Kunst ohne jedoch die Sehnsucht nach der Wanderschaft ganz ablegen zu können. Wie ein Schwelbrand steckt diese Lust in ihm und treibt ihn schlussendlich dazu noch einmal hinaus in die Welt zu reisen. Was auf dieser Reise geschehen ist erfährt der Leser nur andeutungsweise. Umso stärker beobachtet man jedoch wie Goldmund seinem inneren Frieden näher kommt.

„…Es war ihm auch Anderes [Anm.: während der Reise] abhanden gekommen und hatte ihn verlassen: die Jugend, die Gesundheit, das Selbstvertrauen, das Rot im Gesicht und die Kraft im Blick. Dennoch gefiel ihm das Bild: dieser alte schwache Kerl im Spiegel war ihm lieber als der Goldmund, der er so lang gewesen war. Er war älter, schwächer, kläglicher, aber er war harmloser, er war zufriedener, es war besser mit ihm auszukommen.“

Wieder erzählt Hesse eine Geschichte in unglaublich schönen Bildern und Metaphern. Eine Geschichte, die, je mehr ich darüber nachdenke, auch mit meinem eigenen Leben zu tun hat. Während in meinen Schuljahren und der Zeit des Studiums vor Allem das Faktische, Logische und Wissenschaftliche meinen Geist erfüllte und ich aus dem Drang die Welt verstehen zu wollen Physik studierte, so sind es heute zunehmend die weichen, emotionalen und künstlerischen Dinge, die mich nun bewegen. Würde ich heute noch einmal studieren, so wäre es sicher Philosophie oder noch viel eher Psychologie, denn die Physik mag zwar erklären wie etwas abläuft und wie Dinge zusammenhängen, man erfährt also viel über das ‚Wie’. Das ‚Warum’ vermag sie aber grundsätzlich nicht zu beantworten. Ich komme auch immer mehr zur Einsicht, dass das ‚Warum’ kein universelles ‚Warum’ sein kann, das irgendwelchen Naturgesetzen unterliegt, sondern eher ein individuelles ‚Warum’, welchem man mit den Methoden der Psychologie, der Anthropologie oder der Epistemologie wesentlich näher kommt. Auch spielt die Kunst, und hier natürlich im Speziellen das Schreiben, eine immer grössere Rolle in meinem Leben, da sie Dinge in mir anspricht, die lange brach gelegen haben. Dinge, von denen ich das Gefühl habe, dass sie mich vervollständigen.

Hesses Roman zeigt in den Figuren Narziß und Goldmund eine wirklich schöne Konvergenz dieser beiden Welten, bis hin zu der Erkenntnis auf den letzten Seiten, dass es sich hierbei nicht unbedingt um verschiedene Welten handeln muss. Ein schöner Ausblick ;-).

Montag, 24. Dezember 2007

Fast ein bißchen Frühling – Alex Capus

Dieser Roman von Alex Capus spielt in den frühen 30er Jahren und handelt von zwei Freunden, die beschliessen einen Banküberfall zu tätigen um mit dem erbeuteten Geld nach Indien auswandern zu können und dort ein neues Leben aufzubauen. Der Banküberfall findet auch wirklich statt doch ist die Ausbeute bei weitem nicht so reichlich ausgefallen, wie sich das die beiden Freunde erhofft hatten. Weiterhin ist ein Bankangestellter bei dem Überfall ums Leben gekommen. Die anschliessende Flucht nach Indien endet jedoch bereits in Basel, wo die Beiden in einem Kaufhaus in der Schallplattenabteilung auf die junge Verkäuferin Dorly treffen.

Basierend auf einer wahren Begebenheit hat Capus diesen Roman sehr nahe an die historischen Fakten angelehnt. Nicht nur im Faktischen, sondern auch in seinem Schreibstil. Immer wieder einfliessende Polizeiprotokollabschnitte, Beobachtungen oder Aussagen aus Verhören beleuchten die erzählte Geschichte in ungewöhnlicher Weise. Diese Schreibweise hat auch zur Folge, dass Capus immer einen gewissen Abstand zu seinen Charakteren wahrt und diese relativ neutral betrachtet und beschreibt. Einerseits ist das interessant, denn ich kenne sonst keine Bücher, die so geschrieben sind. Andererseits haben mir aber auch die tieferen Charaktere der beiden Freunde, wie auch die von Dorly gefehlt um richtig in der Geschichte zu versinken. So habe ich sie doch relativ oberflächlich gelesen und wurde nie richtig in den Strudel der Ereignisse hineingezogen.

Alles in Allem ein interessantes Buch, das aufgrund der Erzählweise an das literarische Pendant eines Road-Movie erinnert und beim Leser neben der öfters zitierten Parallelen zu Bonnie und Clyde auch Erinnerungen an Thelma und Louise wach werden lässt. Es ist aus meiner sicht jedoch kein Buch in das man wirklich versinken kann und die Geschehnisse selbst miterleben und mitfühlen kann. Immer ist sich der Leser des Lesens bewusst und betrachtet den Roman von ‚aussen’.

Sonntag, 23. Dezember 2007

Das Schloss der Frösche – Jostein Gaarder

Heute wollte ich eigentlich mal wieder fliegen gehen und etwas über der Welt schweben. Der dichte Nebel hat mich jedoch am Boden gehalten. Also hab ich erstmal richtig ausgeschlafen, etwas rumgebummelt und mir dann ein Bad einlaufen lassen und in der Badewanne ein Kinderbuch gelesen. Das war irgendwie das passende Pendant zum Fliegen heute.

Kristoffer Poffer ist ein junger Prinz, der in seinem Schlafanzug nachts im Wald auf den Wichtel Umpin trifft. Eigentlich ist Kristoffer aber kein Prinz; und Poffer heisst er auch nicht wirklich mit Nachnamen. Nur wie sollte er das dem Wichtel erzählen, denn als normalen kleinen Jungen hätte dieser ihn wohl kaum ernst genommen. Und so wurde Kristoffer zu einem richtigen Prinzen.

Zusammen mit Umpin reist Kristoffer durch eine geheimnisvolle Welt voller Tiere und Menschen, die ihn alle irgendwie auch an seine Familie erinnern. Zwischen Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade, Salamandern, die einen Aufstand im Königreich anzetteln, einer undurchsichtigen Königin und einem König, dem das Herz gestohlen wurde, entdeckt Kristoffer die ganz eigenen Gesetzmässigkeiten dieser Welt. Gesetzmässigleiten, die für den (Vor-)Leser wohl so fantastisch und unerklärlich erscheinen wie die Erwachsenenwelt auf Kinder wirken muss - und doch findet Kristoffer immer wieder Parallelen. So wird der alte König immer mehr zu Kristoffers verstorbenen Grossvater, so dass sich die Beiden am Ende ihrer jeweiligen Reise nocheinmal begegnen können.

Wenn man sich auf eine Welt in der man nicht viel versteht einlässt und sie erkundet, dann beginnt sie manchmal auf erstaunliche Weise Sinn zu machen. Ein paar mal ist mir beim Lesen einer meiner Lieblingssätze, die mir beim Tagebuchschreiben eingefallen sind, in den Sinn gekommen:

"Oft ist es unsere Blauäugigkeit, die uns Türen öffnet, die wir schon lang zuvor verschlossen geglaubt haben."

Und natürlich wäre es kein Buch von Gaarder, wenn nicht Gaarder typische Zitate vorkommen würden. So regt Gaarder die Fantasie derer, die diese Geschichte vorgelesen bekommen, wie auch derer, die sie vorlesen an ohne das Märchen zu überladen.

Er hatte schon so oft Dinge gesagt, die ich nicht wusste, und wer in einem Traum lebt, kann ja wohl nicht klüger sein als der, der den Traum träumt.
[...]
»Gut«, sagte er. »Das ist die Welt draußen. Aber es gibt auch eine Welt in Dir, und die heißt die Welt der Fantasie. Willst Du behaupten, dass Du alles kennst, was es darin gibt?«


oder

»Lieber kleiner Kristoffer Poffer«, sagte er. »Es gibt nichts, das nur ein Traum wäre. "Nur ein Traum" zu sagen ist so, als sagte man "nur eine Wirklichkeit", denn ein kleiner Pofferprinz lebt genauso viel im Traumland wie in dem anderen, aus dem er kommt.«

Samstag, 15. Dezember 2007

Gesammelte Olivenkerne aus dem Tagebuch der Fremde – Rafik Schami

Olivenkerne nennt Rafik Schami seine meist ein bis drei Seiten langen Texte von denen er 57 in diesem Buch veröffentlicht hat. Die ersten Olivenkerne Schamis erblickten im Februar 1994 das Licht der Öffentlichkeit in Form einer Kolumne der Schweizer Wochenzeitung. Vom 18.02.1994 bis zum 17.02.1995 veröffentlichte Schami jede Woche einen seiner Olivenkerne. Die hier vorliegende Sammlung von Olivenkernen ist nun Schamis eiserne Reserve, welche er sich aus der Angst nicht jede Woche einen Text unter Termindruck fertig stellen zu können angelegt hat.

Wie die anderen Bücher, welche ich bisher von Schami gelesen habe (Eine Hand voller Sterne, Das letzte Wort der Wanderratte, Märchen aus Malula) ist auch dieses Buch sehr stark im Arabischen verwurzelt. Schami, der schon über ein Vierteljahrhundert in Europa lebt, schaut mit dem Herzen eines Arabers auf die Unterschiede dieser beiden Welten und versteht es gekonnt und ohne jegliche Polemik deren Eigenheiten gegenüberzustellen.

"Unsere Zeit ist erschreckend schnellebig. Die Entwicklung der letzten fünf Jahre hätte früher Jahrhunderte gebraucht. Der Koloß im Westen hat seinen östlichen Rivalen besiegt und ist selbst so entkräftet, daß er für die Zukunft keine Visionen mehr besitzt. So fallen viele der ehemals bewegenden Ideen in einen bodenlosen Sumpf der Barbarei zurück. Extremer Nationalismus, Fundamentalismus und Bürgerkrieg sind Spielvarianten des Verlusts der Hoffnung auf Zukunft."

Allerdings muss ich sagen, dass mir die anderen Bücher von Schami einiges besser gefallen haben. Zum Teil finde ich die Texte doch etwas einfach gestrickt und ich vermisse seine Differenziertheit, welche er in seinen sonstigen Büchern an den Tag legt. Alles in Allem, ein nettes Buch zu lesen, aber sicher keines, welches man unbedingt gelesen haben muss.

Montag, 10. Dezember 2007

Der Steppenwolf – Hermann Hesse

Heute habe ich mir mal wieder einen total angenehmen Lesetag gemacht. Nachdem ich so richtig ausgeschlafen habe, hab ich erstmal meine eMails beantwortet, etwas zu Mittag gekocht und dann so langsam das Wasser einlaufen lassen. Mit einer Flasche Prosecco, Vanillekerzen, Kokos-Badezusatz, ein paar Keksen und meinem MacBook und iTunes habe ich es mir dann im Bad bequem gemacht und bin über drei Stunden drin liegen geblieben und habe den Steppenwolf fertig gelesen, den ich gestern Nacht noch im Starbucks angefangen habe.

Den Steppenwolf hatte ich schon vor ein paar Jahren mal angefangen zu lesen, aber irgendwie hat er mich nicht angesprochen und so habe ich ihn damals wieder weg gelegt. Ich keine Ahnung, warum er mich nicht angesprochen hat, denn heute finde ich ihn einfach genial ;-). Zwar ist der erste Teil bis zum 'Tractat vom Steppenwolf' etwas langatmig, aber ab dort habe ich angefangen das Buch zu verschlingen.

Harry Haller ist ein Einzelgänger, ein Sonderling, der sich selbst abseits der Gesellschaft bewegt, da er sich mit dieser unvereinbar sieht. In ihm wirken viele gegensätzlichen Kräfte und so konstruiert er sein eigenes Bild des Steppenwolfes (Hier kommt der Satz, den Max Frisch in 'Mein Name sei Gantenbein' geschrieben hat so richtig zur Geltung: "Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält."). Einem Menschen, in dem ganz im Sinne eines dualistischen Weltbildes das Tier schlummert.

Als Harry eines Abends wieder einmal rastlos durch die Nassen Strassen der Stadt streift, trifft er auf Pablo, der ihm fast beiläufig ein kleines Buch überreicht - Das 'Traktat vom Steppenwolf'. Und als Harry beginnt das Traktat zu lesen entdeckt er, dass es sich dabei um sein eigenes Leben handelt. Im Traktat wird Anfangs genau beschrieben, wie Harry sich fühlt und was in ihm vorgeht. Doch gegen Ende des Traktats geht das Geschriebene über sein jetziges Leben hinaus und wirft seine Schatten weit in die Zukunft. Schon jetzt lässt das Traktat den Leser erahnen was auf Harry in der Zukunft warten mag. Dieser Teil des Buches mag vermutlich auch Jostein Gaarder als Anregung für 'das Kartengeheimnis' gedient haben. Ich fühlte mich einige Male an dieses tolle Buch erinnert.

Doch wirklich gepackt hat mich das Buch als Hermine ins Bild getreten ist. Haller trifft Hermine in einem Wirtshaus und beide erkennen sofort den Leidensgenossen (wenn auch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven gesehen) ineinander. Durch Hermine lernt Harry Haller sein bisheriges Leben zu hinterfragen und er lässt sich bereitwillig Alternativen dazu zeigen. Mich hat die Figur der Hermine total beeindruckt und ein paar mal habe ich mich dabei entdeckt, dass ich neben dem Lesen abgeschweift bin und überlegt habe, wie wohl Hermine in meinem Leben wirken würde.

"Das Steppenwolftraktat und Hermine hatten recht mit ihrer Lehre von den tausend Seelen, täglich zeigten sie neben all den alten auch noch einige neue Seelen in mir, machten Ansprüche, machten Lärm, und ich sah nun deutlich wie ein Bild von mir den Wahn meiner bisherigen Persönlichkeit. Die paar Fähigkeiten und Übungen, in denen ich zufällig stark war, hatte ich allein gelten lassen und hatte das Bild eines Harry gemalt und das Leben eines Harry gelebt, der eigentlich nichts war als ein sehr zart ausgebildeter Spezialist für Dichtung, Musik und Philosophie - den ganzen Rest meiner Person, das ganze übrige Chaos von Fähigkeiten, Trieben, Strebungen hatte ich als lästig empfunden und mit dem Namen Steppenwolf belegt."

Durch Hermine lernt Haller auch Pablo, den Saxophonspieler kennen, der ihm zuvor anonymerweise das Traktat überreicht hat. Pablo ist es auch, der die Beiden nach einem Maskenball in sein magisches Theater (hierbei handelt es sich um Drogen) einlädt, in welchem Harry sich die Möglichkeit bietet, sein bisheriges Leben neu zu durchleben. In einer wuchtigen und wortgewaltigen Darstellung beschreibt Hesse eindrücklich diesen Zustand zwischen Traum, Halluzination und Wahrheit und gibt Haller die Möglichkeit all seine neuen Erfahrungen und Einsichten in sein bisheriges Leben einzubauen und damit all seinen anderen Seiten, die er zuvor als verabscheuenswert abgetan hatte gerecht zu werden.

Oftmals habe ich die Angewohnheit, dass ich meine Gedanken und Gefühle beim Lesen eines Buches direkt ins Buch schreibe und diese Seite sodann mit einem Eselsohr kenntlich mache. Dieses Buch wimmelt nun nur so von Eselsohren. So viele Stellen haben mich an mich selbst erinnert, so viele Sätze haben mich zum denken angeregt. Doch so richtig fasziniert hat mich die Figur der Hermine! Aber es ist nicht nur der Inhalt, der mich fasziniert hat. Es ist ebenso die Sprache Hesses. Wortgewaltig, fast Opulent und unheimlich eindrücklich schildert er im zweiten Teil des Buches die Reise in Hallers Sehnsucht und verborgene Welt. Wer dieses Buch noch nicht gelesen hat sollte dies ganz schnell nachholen!!!

Samstag, 8. Dezember 2007

Gertrud – Hermann Hesse

Auf 181 Seiten folgt man dem jungen Kuhn durch sein Leben, sieht die Welt mit seinen Augen und merkt dabei sehr oft, dass seine Augen zu Unseren auch nicht sehr unterschiedlich sind.

Die Erzählung beginnt in den Jahren Kuhns Kindheit in der er als ungeliebter und wenig begabter Schüler unberührt und unauffällig durch die Schule ging. Zwar sehnte er sich danach sich auszudrücken doch erst im siebten Lebensjahr entdeckte er die Musik für sich, die ihn anhin für sich einnahm und sich dort erst langsam entfaltete.

In den ersten beiden Kapiteln lernt man viel über Kuhns Kindheit und Jugend kennen. Man erlebt die erste Liebe hautnah mit, die zerrissenen Gefühle zwischen totaler Euphorie und bodenloser Niedergeschlagenheit. Doch je mehr man liest, so deutlicher wird, dass Kuhn ein sehr sensibler und feiner Mensch ist. So dauert es auch nicht lange, bis die Fragen des Lebens, des Sinns und des Glücks am Horizont der Jugend erscheinen und ihn über die nächsten Kapitel hinweg ins Leben eines Erwachsenen begleiten.

"...und ich fühlte in den dunklen Stunden mein krankes Herz mit doppelter Glut sich dehnen und empören, und ich unterschied nicht mehr Genuß und Weh, sondern eines war dem andern gleich, und beides tat weh, und beides war köstlich. Und während es mir innen wohl und weh erging, stand meine Kraft doch in Ruhe darüber, schaute zu und erkannte, das Helle und Dunkle als geschwisterlich zusammengehörend, das Leid und den Frieden als Takte und Kräfte und Teile derselben großen Musik."

Im dritten Kapitel lernt Kuhn den extrovertierten und emotional nicht sehr stabilen Sänger Heinrich Muoth kennen, mit welchem ihn nach anfänglicher Skepsis und Vorsicht eine tiefe Freundschaft verbinden soll.

"...und spürte zum erstenmal in meiner leichten Jugend so deutlich, daß man durchs Leben und durch die Menschen nicht so einfach gehen könne, da mit Haß und da mit Liebe, da mit Verehrung und dort mit Verachtung, sondern, daß alles durcheinander und beieinander wohne, kaum getrennt und in Augenblicken kaum unterscheidbar."

Selbst die Tatsache, dass Muoth diejenige Frau heiratet, die Kuhn über alles liebt, vermag die Freundschaft der Beiden lediglich temporär zu entfremden und immer mehr und mehr wachsen die Gefühle der verschiedenen involvierten Personen füreinander, denn es ist um diese Zeit, dass Kuhn entdeckt, dass sein Egoismus ihn bis dato davon abgehalten hat den tieferen Sinn seines Lebens zu erfühlen.

"Ich glaube man kann im Leben eine ganz genaue Grenze ziehen zwischen Jugend und Alter. Die Jugend hört auf mit dem Egoismus, das Alter beginnt mit dem Leben für Andere. Ich meine es so: junge Leute haben viel Genuß und viel Leiden von ihrem Leben, eil sie es nur für sich allein leben. Da ist jeder Wunsch und Einfall wichtig, da wird jede Freude ausgekostet, aber auch jedes Leid, und mancher, der seine Wünsche nicht erfüllbar sieht, wirft gleich das ganze Leben weg. Das ist jugendlich. Für die meisten Menschen aber kommt eine Zeit, wo das anders wird, wo sie mehr für andere leben, keineswegs aus Tugend, sondern ganz natürlich. Bei den meisten birgt es die Familie. Man denkt weniger an sich selber und seine Wünsche, wenn man Kinder hat. Andere verlieren den Egoismus an ein Amt, an die Politik, an die Kunst oder Wissenschaft."

Dieser Satz, obwohl er bereits 1910 geschrieben wurde, passt meiner Meinung nach unglaublich gut in unsere Zeit. Eine Zeit, in der die Selbstverwirklichung eine goldene Kuh geworden zu sein scheint. Doch wenn man sich überlegt, dass Hesse dies bereits 1910 geschrieben hat fragt man sich, ob diese goldene Kuh wirklich nur eine Erfindung der Neuzeit ist oder ob sie lediglich dem Menschsein innewohnt. Wohlgemerkt rät Hesse hier nicht dazu so schnell wie möglich erwachsen zu werden, sondern dann, wenn es Zeit dafür ist; denn ein paar Zeilen weiter schreibt er:

"Auch werden aus den eifrigsten Jungen die besten Alten und nicht aus denen, die schon auf Schulen wie Großväter tun."

Das Buch ist gespickt mit solchen Überlegungen, die einen sehr dazu anregen über sein eigenes Leben nachzudenken. Doch all diese Dinge sind auch in eine wunderschöne Geschichte verpackt. Eine Geschichte einer Liebe, die trotz ihrer Unmöglichkeit nicht einfach versandet oder sich auflöst. Vielmehr findet dieser Strom zwischen Kuhn und Gertrud seinen eigenen Lauf und gräbt sich fern ab von allen Konventionen und Lebensformen sein eigenes Bachbett.

Die Sprache ist, wie von Hesse gewohnt, blumig und weich. Die Charaktere sind wunderbar beschrieben und in ihrer Ausgeprägtheit auch sehr authentisch. Obwohl man dabei immer wieder vermuten mag, dass Hesse genau diese beiden Charaktere selbst verkörperte. Letztendlich ist dies ja eines der immer wiederkehrenden Themen in seinen Büchern und im Gegensatz zu 'Demian' oder 'Klein und Wagner' hat Hesse diese verschiedenen Welten nun in zwei eigenständigen Charakteren wachsen lassen, die nicht nur zufällig eine innige Freundschaft verbindet, obwohl sie sich auch immer wieder als gegenteilige Pole begegnen.

Freitag, 7. Dezember 2007

Musik & Gefühle

Vor ein paar Tagen hat mir eine Bekannte eine eMail mit einem Link zu dem Song 'Dienen' von 'ich + ich' geschickt. Zuerst hat mir das Lied garnicht so gut gefallen. Aber den Cartoon hab ich sofort ins Herz geschlossen. Jetzt, da ich es öfters gehört habe, will es mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Mittlerweile gefällt mir der Song wirklich total gut. Einerseits der Text und andererseits auch die Stimmen.



Natürlich habe ich auch in YouTube nach weiteren Songs von 'ich + ich' geschaut. Und erst da habe ich gemerkt, dass der Song 'Vom selben Stern' auch von 'ich + ich' ist, denn diesem Song kann man beim Radiohören fast nicht entgehen. Aber besonders angetan hat es mir 'Du erinnerst mich an Liebe'. Irgendwie treffen beide Songs genau in mein Herz, denn in letzter Zeit bin ich eher sensibel und manchmal fast schon träumerisch in meiner Freizeit. Vielleicht ist das eine Gegenreaktion zu meinem Beruf, der im Moment kaum etwas neben sich duldet. Vielleicht aber auch einfach nur meine Sehnsucht, die mich öfters daran erinnert, was wirklich wichtig ist. Aber in den wenigen freien Momenten sind es Gedanken und Gefühle, die diesen beiden Songs und den Cartoons sehr nahe kommen, die mich beschäftigen.



Der Hund in diesem Cartoon hat mich übrigens sehr stark an den Hund in dem Buch ‚Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil erinnert’. Dieser Hund streunt auch durch die Welt auf der Suche nach Geborgenheit und Liebe und versucht sich diese zu erkaufen, bis er endlich merkt, dass Geborgenheit ein kostenloses Gut ist.

Abschliessend möchte ich K. noch ganz lieb danken, dass Sie mir das Lied geschickt hat und mir damit eine grosse Freude gemacht hat. Ich wünsche Dir ganz viel Glück, Freude und Sinn in den schweren Tagen, die Du gerade hast!

Samstag, 1. Dezember 2007

Gedanken zur Melancholie

In letzter Zeit habe ich einiges an Melancholie in meinem Freundeskreis wahrgenommen und auch ich kenne sie natürlich sehr gut aus den vergangenen Jahren. Stets eine treue Begleiterin, die einen fordert aber nicht überrennt, die einen zwingt sich mit sich selbst zu beschäftigen und die uns somit hilft uns selbst zu erkennen. Grund genug sich Gedanken zu diesem Gefühl zu machen.

Vielleicht lässt sich die Melancholie mit einem Schockzustand vergleichen. Nicht in der Art, wie sie in unser Leben tritt, denn selten überkommt sie uns so plötzlich und unerwartet wie ein Schock. Meist ist die Melancholie viel subtiler. Sie schleicht sich unbemerkt in unser Leben und spricht über lange Zeit oft nur mit ganz leiser Stimme. So leise, dass der Lärm des Alltags ihre Botschaften überdeckt und wir im besten Falle nur erahnen mögen, dass etwas hinter der nächsten Ecke auf uns lauert.

Ich ziehe den Vergleich eher in Bezug auf die Auswirkungen der Melancholie. Eben weil sie so schleichend daher kommt überhören wir sie oft. So beginnt sie zu wachsen und bäumt sich erst kurz bevor sie das Ufer unseres Bewusstseins erreicht meterhoch vor uns auf, so dass wir sie nicht mehr ignorieren können. Dann bricht sie über uns herein und koppelt uns von unserer Umwelt ab; und hier liegt mein Vergleich zu einem Schockzustand. Einmal über uns hereingebrochen lässt die Melancholie all das, dem wir zuvor verschrieben waren, nichtig und klein erscheinen und kapselt uns dadurch in einen Kokon der Emotionen und Gefühle. Eine Hülle, durch die nichts zu uns hindurchzudringen vermag und die uns zwingt uns mit uns selbst zu beschäftigen. Wie der Körper auf physischen Schmerz reagiert und sich in sich zurückzieht, so reagiert unsere Seele auf Verletzungen und zwingt uns dem Menschen in die Augen zu schauen, der wir wirklich, fernab aller Wünsche und Pflichten sind.

Natürlich hätten wir die Wahl gehabt schon auf die kleinen, sanften Stimmen der Melancholie zu hören und ihr rechtzeitig Aufmerksamkeit zu schenken. Doch meistens liegt die Anästhesie des Alltags wie eine grosse Glasglocke über uns (dieses Zitat stammt aus einer meiner Kurzgeschichten) und hält uns von all diesen Gedanken fern. Geboren ist diese Anästhesie des Alltags wohl aus dem Gedanken, dass Leid und Schmerz verabscheuenswürdige Dinge sind. Erst wenn wir Leid und Schmerz als Teil unseres Lebens verstehen und nicht als bedrohliche Metastasen, die so schnell wie möglich entfernt werden müssen - erst dann werden wohl unsere Ohren fein genug sein um die leisen Stimmen der Melancholie, des Wächters unserer Seele, zu vernehmen und uns selbst ein Stück näher kommen.

Freitag, 30. November 2007

Die Unwissenheit – Milan Kundera

Als ich dieses Buch in die Hand nahm, freute ich mich darauf wieder ein paar Stunden in eine der typischen Welten von Kundera zu versinken. Doch als ich das Buch wieder aus der Hand legte war ich etwas enttäuscht. Die bisherigen Bücher (eines davon hier im Blog), die ich von Kundera gelesen habe, haben mir weitaus besser gefallen.

In 'Die Unwissenheit' erzählt Kundera die Geschichte zweier Exiltschechen, die ihr Land kurz nach den Prager Frühling '68 verlasen haben um sich im Ausland eine neue Existenz aufzubauen. Während Irina nach Frankreich zog, verschlug es Josef nach Dänemark. Dort lebten sie zwanzig Jahre im Exil und schufen sich fern ab von ihrem Herkunftsland eine neue Heimat. Doch nach dem Fall der Mauer und dem damit einhergehenden Zusammenbruch des Russischen Kommunismus brach auch ihr Status als Exilanten zusammen und sie merkten, dass die neue Heimat eventuell doch keine Heimat sein würde.

Unerwartet treffen sich Beide am Flughafen auf dem Flug nach Prag und verabreden sich auf ein paar Tage später in Prag, denn Josef will seine Familie ausserhalb von Prag besuchen. Doch ihr Zusammentreffen hat einen Haken (den ich hier nicht verraten will, denn der ist Bestandteil der Geschichte). So treffen sich beide am letzten Tag des Aufenthaltes von Josef in Prag, finden zueinander und verlieren sich stunden später wieder.

Zwar ist Kunderas Erzählstil sehr ähnlich zu seinen vorherigen Büchern. Immer wieder gibt es Einschübe in der Handlung des Romans, die ein literarisches, geschichtliches oder psychologisches Thema näher ausführen und genau diese Einschübe waren es, die Kunderas Bücher so speziell gemacht haben. Mit sehr viel Gefühl und Erfahrung hat Kundera in diesen Einschüben die Handlung des Romans in ein Licht gestellt, das dem Roman einen Bezug zum eigenen Leben gab. Auch in diesem Roman gibt es diese Einschübe aber fast alle sind sehr farblos und haben mich nicht wirklich berühren können.

Lediglich dem oft wiederkehrenden Thema der Nostalgie (sei es in Form des Heimweh oder in Form einer Sehnsucht) konnte ich etwas abgewinnen. Auch fand ich die Vergleiche zu Odysseus und seinem Umgang und Erfahrungen in Bezug auf die Nostalgie und des Heimwehs gelungen, denn dies hat mir einige neue Sichtweisen auf mein eigenes Leben gegeben. Aber alles in Allem bin ich doch etwas enttäuscht von diesem Buch. Ich hätte mir mehr erwartet.

Donnerstag, 29. November 2007

Fräulein Stark – Thomas Hürlimann

Das Buch ist aus der Sicht des 12 jährigen Ich-Erzählers geschrieben, der die letzten Sommerferien vor seinem Eintritt in die Klosterschule bei seinem Onkel, dem Stiftsbibliothekar und Prälat der St. Gallerischen Stiftsbibilothek und seiner Haushälterin Fräulein Stark verbringt. Es ist dieser Ort, an dem unterschiedliche Welten aufeinander treffen. So verkörpert der Onkel einen vergeistigten intellektuellen (und manchmal doch erstaunlich weltpräsenten) Mann während Fräulein Stark das katholisch moralische Gewissen repräsentiert. Eine weitere Welt für sich ist die Stiftsbibliothek in der der Junge die Besucher mit Filzpantoffeln ausstatten muss, so dass der wertvolle Parkett nicht beschädigt wird. In der knienden Haltung in der er den Besuchern die Finken anzieht wirft er zuerst ganz unbeholfen, später sehr raffiniert, die Blicke unter die Röcke der weiblichen Besucher.

Doch neben dem offensichtlichen Kontrast der vergeistigten Welt des Onkels, dem Entdecken der Sexualität des Erzählers und der strengen katholischen Moral der Fräulein Stark verbirgt sich noch ein weiteres Thema. Hier geht es um die Rolle der Juden in der Schweiz in der Zeit um den zweiten Weltkrieg. All diese verschiedenen Themen sind durch die Charakteren und ihre Herkunft unauflösbar ineinander verwoben.

Eigentlich hört sich das sehr interessant an aber irgendwie hat es dieses Buch nicht geschafft mich zu fesseln und mich darin versinken zu lassen und so habe ich es wohl mehr mit dem Kopf als mit den Gefühlen gelesen. Wirklich weiterempfehlen kann ich das Buch nicht aber ich würde mich dennoch darüber freuen, wenn jemand, der dieses Buch ebenfalls gelesen hat seine Erfahrungen hier verewigen würde.

Sonntag, 25. November 2007

Die Bank der kleinen Wunder – Gernot Gricksch

Nachdem ich im Juli diesen Jahres ‚Die denkwürdige Geschichte der Kirschkernspuckerbande’ von Gernot Gricksch gelesen hatte war für mich klar, dass ich weitere Bücher von ihm lesen will, denn von diesem Buch war ich fasziniert. Heute habe ich dann schliesslich ‚Die Bank der kleinen Wunder’ aus meinem Stapel der Bücher die noch gelesen werden wollen herausgegriffen, habe mich mit einem selbst gemachten Limetten-Yoghurt, Passionsfrüchten, Cappuccino und Keksen ausgerüstet in die Badewanne gelegt und eben dieses Buch dort gelesen. Ich liebe solche Momente und habe es diesmal ganz besonders genossen, denn aufgrund meiner Arbeit bin ich schon lange nicht mehr dazu gekommen so in Ruhe und entspannt ein Buch zu lesen.

Alles begann damit, dass Herr Zürn am 21. Mai 1967 den Antrag (in dreifacher Ausfertigung) und damit den Auftrag zur Her- und Aufstellung eines Freiluft-Sitzmöbels der Kostengruppe IVb am westlichen Ufer der Außenalster erteilte. Fortan sitzt der Leser dieses Buches quasi auf der Bank, begegnet verschiedenen Leuten, folgt ihnen eine Weile durch ihr Leben und kehrt sodann wieder zurück auf seine Bank um auf eine neue Bekanntschaft zu stossen. Jeder dieser Begegnungen ist ein eigenes Kapitel in diesem Buch gewidmet.

Im ersten Teil des Buches scheinen die Bekanntschaften, die der Leser mit den Leuten macht rein zufällig zu sein, doch später fügen sich immer mehr dieser Ereignisse zu einem grösseren Bild zusammen und spätestens dann überlegt man sich selber, wie es um sein eigenes Leben steht.

Vom Stil her ist dieses Buch sehr schlicht und simpel geschrieben. Keine langen Sätze oder komplizierten Konstrukte was meiner Meinung nach zusätzlich die Alltäglichkeit der Geschichten unterstreicht. Und doch steckt sehr viel mehr drin. Wenn man sich selbst erlaubt zwischen den Abschnitten etwas in Gedanken zu versinken (in einer Badewanne in der man ja fast schwebt fällt dies übrigens besonders leicht), so entdeckt man viele Themen, die einen selbst berühren. Denn schlussendlich geht es bei allen diesen Geschichten irgendwie um die Sehnsucht nach einer Person, die einen immer als das zu sehen vermag was man ist und eben nicht als das was man glaubt sein zu müssen – und das gegenseitig. Eigentlich ziemlich unwahrscheinlich so eine Person zu finden wenn man sich das so überlegt – oder? Vielleicht liegt das aber auch daran, dass wir oft selbst nicht wirklich wissen wer wir genau sind und somit unseren Mitmenschen das Falsche (wie mir mal jemand gesagt hat) ‚anbieten’. Eigentlich wäre das die perfekte Überleitung zu Demian aber ich stoppe hier mal, denn über dieses Thema könnte ich stundenlang schreiben.

Zum Schluss noch ein Zitat aus dem Buch, welches von zwei über 70 jährigen stammt, die auf dieser Bank eine gemeinsame Geschichte entdecken, die mehr als 20 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht:

»Hättest Du früher etwas gesagt – wer weiß? Aber heute? Sieh uns doch an. Wir sind alt! Unglaublich alt!«

»Jung. Alt. Was heisst das schon? Es gibt nur lebendig und tot.«


(Dieses Zitat hat mich übrigens sehr stark an diesen Blogeintrag erinnert.)

Samstag, 24. November 2007

Klein und Wagner – Hermann Hesse

Eigentlich habe ich dieses Buch schon vor zwei Wochen auf dem Flughafen und meinem Flug nach Berlin gelesen. Doch leider komme ich erst jetzt dazu den entsprechenden Blogeintrag zu schreiben.

Vorab, Hesse ist einfach genial! Nicht immer ganz einfach zu lesen, aber bisher hat mich jedes seiner Bücher wirklich fasziniert. Lange habe ich überlegt, wie ich die Beschreibung für dieses Buch einleiten soll und mittlerweile finde ich, dass der Klappentext den Inhalt perfekt wiedergibt und somit zitiere ich einen Teil dieses Textes:

Die Novelle Klein und Wagner ist einer der Höhepunkte der Prosa Hermann Hesses. 1919, nach vierjähriger, durch freiwillige Gefangenenfürsorge selbst auferlegter, fast völliger schriftstellerischer Abstinenz […] und nach der Trennung von Familie und Wohnsitz erfolgte die vehemente Niederschrift von Klein und Wagner. Hesse nannte sie eine »Geschichte des Philisters, den es in die Welt des Abenteuers, in die Sphäre des Unsicheren, ihm Fremden, Bösen, Gefährlichen hinüberreißt und der darin untergeht«.

Ähnlich wie Dr. Jeckyll und Mr. Hyde stehen hier Klein und Wagner für die zwei Pole eines Menschen, welche das ganze Spektrum der menschlichen Sehnsüchte aufspannen und den Menschen durch die Zeit getrieben von einem Extrem ins Andere werfen.

»Eine seiner Erfindungen war die Zeit. Eine feine Erfindung, ein raffiniertes Instrument, sich noch inniger zu quälen und die Welt vielfach und schwierig zu machen! Von allem, was der Mensch begehrte, war er immer nur durch die Zeit getrennt, nur durch diese Zeit, diese tolle Erfindung!«

Doch während in dem Roman von Robert L. Stevenson Dr. Jeckyll und Mr. Hyde multiple Persönlichkeiten waren, welche jeder für sich seine eigene Zeit hatten und abwechselnd aber völlig eigenständig lebten, so zeichnet Hesse ein weitaus weniger pathologisches Bild. Denn Klein und Wagner stehen für Stimmen in uns, die gleichzeitig sprechen, die im Zwiespalt miteinander stehen und deren dialektische Synthese unser Handeln beeinflusst. Diesem Gedanken folgend gelingt es relativ einfach weitere Pole zu manifestieren, denn es gibt viele Dinge, die uns als Menschen ausmachen und deren Synthese uns bestimmen. Gut und Böse ist hier nur ein altes bekanntes Beispiel. In gewisser Weise handelt ‚Drei liebe Freunde…’ auch von dieser Thematik, nur dass es sich hier anstatt einer Dialektik eher um eine Dreifaltigkeit handelt die zusätzlich in ein gefühlvolleres Thema gebettet ist.

Es ist ein wunderbares Buch, das im weiteren Sinn die verschiedenen pole des Menschseins anspricht. Pole, die in unserem alltäglichen Verständnis kaum miteinander vereinbar sind und die dadurch ein Gebiet aufspannen in welchem der Mensch als neugieriges Wesen wandelt und versucht dieses zu entdecken und zu verstehen.

»Ob das nun Honolulu, Mexiko oder Italien war, konnte ihm einerlei sein. Es war Fremde, es war neue Welt und neue Luft, und wenn sie ihn auch verwirrte und heimlich in Angst versetzte, sie duftete doch auch nach Rausch und Vergessen und neuen, unerprobten Gefühlen«

Für mich geht es in diesem Buch weniger um das Gute oder das Böse, sondern um den Mut, welchen man braucht in sein Innerstes zu schauen. Sich mit all den unrühmlichen Dingen, all den Schmerzen und all den Tatsachen zu konfrontieren, auf die man selbst oder durch gesellschaftliche Prägung herabschaut. Es geht darum sie anzuerkennen und nicht selbst in die Rolle des Philisters zu verfallen, der einen Teil seines eigenen Seins negiert, denn Gefühle lassen sich nicht negieren. Sie finden immer Wege um sich mitzuteilen.

Es ist ähnlich einem Vulkan der auszubrechen droht und den man mit einem gigantischen Stein verschliesst. Dieser Vulkan wird dennoch ausbrechen. Vielleicht erst Jahre später und an einem anderen Ort an den sich das Magma bis dahin unterirdisch und unbemerkt vorgearbeitet hat. Und wir werden nicht mehr verstehen, warum es ‚dort drüben’ an die Oberfläche gekommen ist. Gerade ‚dort drüben’ wo doch immer alles in Ordnung war.

Wenn wir uns selbst verstehen wollen, so müssen wir den Mut haben uns so anzunehmen wie wir selbst sind und nicht wie wir glauben sein zu müssen und das ist eben manchmal grausam womit wir wieder bei Hesses Buch und seiner emotionalen und gewaltigen Sprache sind.


»Er hatte sich fallen lassen! Daß er sich ins Wasser und in den Tod fallen ließ, wäre nicht notwendig gewesen, ebensogut hätte er sich ins Leben fallen lassen können.«

Sonntag, 4. November 2007

Was? Wäre? Wenn? - Wiebke Lorenz

Charlotta Maybach oder Charly, wie sie ihre Freunde nennen, hat ihr BWL-Studium schon längst an den Nagel gehängt und jobbt als Kellnerin im 'Drinks & More'. Ihren Eltern hat Charly dies noch nicht beibringen können und so sehen diese ihre fast 30 jährige Tochter immer noch kurz vor dem Abschluss und auf dem angehenden Karrierepfad. Obwohl Charly mit ihrem Job im 'Drinks & More' etwas gefunden hat, was sie wirklich mag, ist sie mit ihrem Leben nicht wirklich zufrieden. Sie lebt ihr Leben zum Vollen und lässt nichts an sich vorbei gehen, weder Männer noch Alkohol. In wie viele Fettnäpfchen ist sie schon getreten, wie viele Peinlichkeiten hat sie über sich ergehen lassen müssen?

Als eines Tages ihr Schwarm, mit dem sie auch das erste Mal Sex hatte im 'Drinks & More' auftaucht und sie überredet mit ihm an das 10 Jährige Klassentreffen zu gehen, nimmt das Leben von Charly eine Wendung. Konfrontiert mit ihrer Vergangenheit will sie ein neues Leben beginnen und über einige Zufälle hinweg führt sie dieser Weg in eine etwas seltsame Personalvermittlungsagentur, in der Charly die Möglichkeit bekommt mit Hilfe eines seltsamen Apparates all die peinlichen Situationen in ihrem Leben ungeschehen zu machen - mit allen Konsequenzen.

Plötzlich befindet sich Charly in einem ganz neuen Leben. Zwar sind viele Menschen ihrem neuen Leben erhalten Gleichen geblieben, doch die Charaktere und Konstellationen haben sich geändert. Nach und nach entdeckt Charly ihr neues Leben und kommt erst langsam hinter das Geheimnis der Veränderungen. Sie entdeckt wie kleine unbeachtete Ereignisse ihr Leben nachhaltig geprägt haben. Sie entdeckt auch auf manchmal schmerzliche Weise, wer sie selbst ist und findet nach und nach auch den Mut die zu sein, die sie aus ihrem Herzen heraus sein will.

Eigentlich habe ich das Buch wegen des Titels gekauft. An eine meiner Kurzgeschichten erinnert war ich gespannt, was das Buch aus dem Thema 'Was wäre gewesen wenn...' macht. Zwar ist die Geschichte eine total Andere als ich sie damals bei meiner Kurzgeschichte vor Augen hatte aber sie ist nicht minder interessant. Ich habe das Buch wirklich genossen und dabei oft und herzhaft gelacht. Ein wirklich gutes Buch, das enorm viel Spass gemacht hat zu Lesen und hier und da auch wieder einige neue Denkanstösse gegeben hat. Wiebke Lorenz findet eine wunderbare Balance zwischen dem Herausarbeiten der Charaktere sowie deren bewussten und unbewussten Verbindungen und einer spannenden Geschichte in einem zugegebenermassen etwas futuristischen Setting. Ein wirklich tolles Buch, welches ich ohne Einschränkungen weiterempfehlen kann.

Samstag, 3. November 2007

Der seltene Vogel – Jostein Gaarder

Wieder mal ein Jostein Gaarder. Wie viele Bücher hat der denn noch geschrieben ;-). In dem Buch 'Der seltene Vogel' erzählt Gaarder zehn Geschichten. Alle im typischen Gaarder Stil, der auf der einen Seite, je mehr man von ihm gelesen hat, etwas eintönig wird, der andererseits jedoch so interessant ist, dass er mich in der Buchhandlung immer wieder zu seinen Büchern greifen lässt. Ich habe mich nun schon ein paar Mal gefragt warum ich immer wieder Bücher von Gaarder kaufe obwohl mir viele seiner Gedankengänge, auf denen seine Bücher beruhen, sehr vertraut sind und so gesehen nicht viel neue Erkenntnis bringen. Bisher bin ich auf zwei Erklärungsmuster gestossen. Zum einen verbinde ich die ersten Bücher von Gaarder mit einer sehr gefühlvollen und schönen Zeit in meinem Leben und so könnten alle folgenden Bücher, die ich von ihm lese eine Art Anknüpfungspunkt an diese Zeit sein. Zum anderen verfalle ich immer wieder ins Philosophieren wenn ich Bücher von Gaarder lese. Dann geht es meist gar nicht mehr um das was Gaarder in seinen Büchern schreibt. Sondern um meine Gedanken, die immer wieder abschweifen, um meine Assoziationen, die das Gelesene in meine eigene Welt hineintragen und dort weiterspinnen. So haben meine Bücher von Gaarder auch sehr viele Eselsohren als Zeichen dafür, dass ich auf die Ränder dieser Seiten ganz eigene Gedanken gekritzelt habe und es macht unglaublich Spass von Zeit zu Zeit diese Seiten aufzuschlagen und sich in das Gefühl hinein zu versetzen, welches man hatte als man diese Zeilen schrieb.

Vielmehr zum Buch möchte ich eigentlich gar nicht schreiben, sondern einfach ein paar Zitate für sich sprechen lassen.

"Für jemanden, der sich nicht von Windelwäsche und Familienproblemen
verschlingen lässt, stellt die Welt eine ununterbrochene Provokation dar."


"Wenn unsere Traumbilder
sich selbst in den Arm kneifen
ohne zu erwachen
sind wir es selbst"


"Nur kontrastiert mit unseren Erwartungen kann uns etwas rätselhaft erscheinen. Nur wenn die lange Reihe unserer Erwartungen durchbrochen wird, sind wir noch überrascht. Die Welt muß um eine Vierteldrehung weitergehen. Und wir müssen schon etwas 'Übernatürliches' erleben, um am eigenen Leib zu spüren, daß wir existieren."

"Nichts existiert im Bewußtsein, was nicht zuerst in den Sinnen existiert hat."

"Doch es ist offenbar ein zeitgenössisches Symptom, daß der Mangel an sozialen Problemen viele dazu verlockt, sich in vergangenem Elend und Unglück zu suhlen."


Weitere Bücher von Gaarder findet man in meinem Blog hier: Das Kartengeheimnis, Das Orangenmädchen, Sofies Welt, Der Geschichtenverkäufer, Das Leben ist kurz, Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort, Hallo, ist da jemand?

Sonntag, 28. Oktober 2007

Tote ohne Begräbnis – Jean-Paul Sartre

'Tote ohne Begräbnis' ist ein 1947 erschienenes Theaterstück von Sartre. Es spielt kurz vor Kriegsende im Frankreich des Jahres 1944. Fünf Anhänger der Resistance sitzen gefesselt auf dem Dachboden eines Hauses, welches von französischen Kollaborateuren des deutschen Regimes beherrscht wird und warten auf Folter und Tod.

Ihren Anführer wähnen Sie in Sicherheit irgendwo in Grenoble. Doch die Lage ändert sich, als die Tür zu ihrem Dachboden auf geht und Jean hineingestossen wird, den die Kollaborateure noch nicht als Anführer der Resistencegruppe erkannt haben. Waren die Gefangenen zuvor bezüglich des genauen Aufenthaltsortes von Jean noch unbedarft, so müssen sie nun ein Geheimnis vor den Kollaborateuren hüten. Erst jetzt macht sich so richtig die Angst vor der Folter breit, obwohl diese schon lange präsent war. Auch gibt dieses Ereignis der Gruppendynamik ein ganz anderes Moment und der Leser wird Zeuge, zu was Menschen in Extremsituationen fähig sind.

Für mich war dies nach 'Geschlossene Gesellschaft' das zweite Theaterstück, welches ich von Sartre gelesen habe und eigentlich bin ich etwas enttäuscht davon. Zwar werden die Charaktere der Beteiligten sehr plastisch beschrieben, doch irgendwie hat mir die Tiefe und die Verbindung zu dem Buch gefehlt. Nun könnte man meinen, dass dies nur am Thema liegt zu dem ich wenig Verbindung habe. Doch 'Das Spiel ist aus' ist ebenfalls in das grosse Thema der Resistence und der Revolution eingebettet und dieses Buch hat mich um Grössenordnungen mehr berührt.

Summa summarum ist es ein interessantes und gut geschriebenes Buch, welches Spass gemacht hat zu Lesen. Doch die drei anderen Bücher, die ich bisher von Sartre gelesen habe (Geschlossene Gesellschaft, Das Spiel ist aus und Baudelaire), lassen dieses Buch etwas im Schatten stehen.

Samstag, 27. Oktober 2007

Zündels Abgang – Markus Werner

Nun ist es schon eine halbe Ewigkeit her, dass ich einen Blogeintrag geschrieben habe. Ich hatte auch in letzter Zeit so gut wie keine Ruhe zum Lesen. Neben Job und Fliegen war ich viel Tauchen und habe mich sehr viel mit Freunden getroffen. Aber ich merke, wie mich die Bücher wieder anziehen nach einer so langen Zeit ohne sie ;-).

Von Markus Werner habe ich zwar früher schon einiges gelesen, eines seiner bekanntesten Bücher ist mir allerdings bis heute erhalten geblieben. In 'Zündels Abgang' erzählt Viktor Busch, ein Freund des Protagonisten Konrad (Koni) Zündel basierend auf dessen Aufzeichnungen, die letzten Wochen im Leben des Konrad Zündel.

Konrad ist Mitte dreissig, Lehrer und hat einen Hang zum Pessimismus. Er ist aber auch sehr feinfühlig und macht sich viele Gedanken über das Leben und seine Rolle in Diesem. Zündels Dilemma könnte man folgendermassen beschreiben: Er besitzt einen feinen und zerbrechlichen Charakter, jedoch nicht das Selbstverständnis, die von aussen an ihn herangetragenen Erwartungen wie 'hart zu sein' oder 'Erfolg zu haben' für sich selbst abzulehnen. So lebt er stets in dieser Dychotomie, in der er sich immer tiefer verstrickt je mehr er versucht ihr zu entrinnen.

Das Produkt dieses dychotomischen Kampfes sind wunderbare Betrachtungen Zündels Lebens, die beim Leser selbst immer wieder Anknüpfungspunkte an das eigene Leben wach werden lassen. Anknüpfungspunkte, die uns zwar meist vom Verstand her bekannt sind, die aber einerseits schön beschrieben sind und uns andererseits eben doch noch einmal zum Denken und Fühlen anregen.

"Und nur schärfer wurde sein Schmerz, als er innewurde, daß der verhängnisvollste, wenn auch begreiflichste aller Fehler darin besteht, einen geliebten Menschen zum alleinigen Sinnspender zu erheben. - Freilich, als Trivialtheorie war diese Einsicht ihm längst geläufig, doch was für Welten trennen das Gewußte vom leibhaft und überfallartig Gefühlten!"

Dies hat mich natürlich an Sartres Gesetz der Einsamkeit erinnert. Speziell jedoch der zweite Teil des Zitates hat es mir angetan, denn ich kenne das Gefühl nur zu gut, dass man plötzlich Dinge entdeckt, die man rein faktisch schon lange zuvor gekannt hatte. Doch auf ein Mal machen sie plötzlich Sinn, der Bauch versteht sie. Dies ist ein wunderbares Gefühl und dieses Zitat hat es erneut in mir wach werden lassen.

Ein weiteres Zitat, welches Zündels Lage relativ gut beschreibt ist:

"Eines bleibt sicher: Wer nicht bereit ist, stumm und spurlos durchs Leben zu huschen, ist ein geltungssüchtiger Schmutzfink. Ende.
P.S. Auf die raffinierteste Weise wichtig macht sich der Schweigende."


Denn Zündel lebt in solchen Komplexitäten und baut sich somit selbst ein Gefängnis welches ihm die Last der Freiheit, nämlich die Möglichkeit zu scheitern, vorenthält.

Zum Schluss füge ich einfach noch zwei weitere schöne Zitate aus dem Buch kommentarlos an:

"Tina Bar, 11.7. Das neue Wörterbuch. Eine Handreichung für mich und andere Nachzügler. Erster Teil. - Einzuprägen: Eigensucht heißt jetzt Selbstentfaltung. Rücksichtnahme heißt Spontaneität. Rohheit heißt Freimut. Treulosigkeit heißt Spontaneität. Charakterlosigkeit heißt Aufgeschlossenheit für alles Neue. Hohlheit heißt Empfänglichkeit. Das Unvermögen, alleine zu sein, heißt kommunikative Kompetenz."

"Nach einer Weile sagte er: Solche Eltern gehören ausgepeitscht! - Nein! sagte sie. - Doch! sagte er. - Nein sagte Sie, alle Eltern gehören ausgepeitscht, denn alle machen alles falsch! Aber da die meisten Menschen für die Fehler ihrer Eltern dankbar sind, weil diese Fehler die eigenen Fehler entschuldigen, gehören die Eltern doch nicht ausgepeitscht. Voilà. Und nun willst du also mit mir schlafen?"

Dienstag, 25. September 2007

Die Stunde zwischen Hund und Wolf – Silke Scheuermann

Ines und ihre Schwester, die Erzählerin, sind die beiden zentralen Figuren in diesem Roman von Silke Scheuermann. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Rom kehrt die Erzählerin zurück nach Frankfurt und trifft dort eines Morgens im Hallenbad unvermittelt auf ihre Schwester Ines. Unvermittelt deshalb, weil sie niemandem aus ihrem früheren Umfeld gesagt hatte, dass sie zurück in Frankfurt ist. Bereits nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass ihre Schwester Ines sie gesucht hat. Warum, das erfährt der Leser jedoch erst einiges später.

Zuerst sehr widerwillig, dann aber doch von einer inneren Stimme getrieben, lässt die Erzählerin sich auf ihre Schwester ein und entdeckt einen Menschen, den sie so noch nicht vorher kannte. Ines, früher eine enthusiastische Malerin, hat ihr Atelier verkauft und ihren Beruf aufgegeben. Nach und nach entdeckt die Erzählerin, dass Ines sich in Probleme verstrickt hat, die auch in die Kindheit, in die Familie der beiden Schwestern zurück reichen.

In schöner und bildreicher Sprache beschreibt Ilka Scheuermann das Wiedersehen zweier Schwestern, das neu Erkennen nach vielen Jahren der Trennung sowie die Verbindungen und Verwicklungen, die über all die Zeit der Kindheit mit der eigenen Familie bestehen. Das buch ist flüssig und gut geschrieben und das Lesen hat wirklich Spass gemacht. Allerdings hätte ich mir hier und da einen etwas tiefgründigeren Blick hinter die Fassade der beteiligten Personen gewünscht. Alles in Allem aber ein unterhaltsames Buch.

Sonntag, 16. September 2007

Die Legende vom heiligen Trinker – Joseph Roth

Andreas ist Clochard und lebt unter den Brücken von Paris. Dort trifft er auch eines Abends auf einen gut gekleideten älteren Herren, der ihm zweihundert Franc schenkt. Da Andreas jedoch ein Mann der Ehre ist und darauf besteht, die zweihundert Franc zurückzuzahlen, bittet ihn der Fremde am nächsten Sonntag nach der Messe in der Kapelle der kleinen heiligen Therese das Geld dort zu spenden.

Ein Wunder, so könnte man meinen. Und in der Tat, es geschehen noch mehrere dieser Wunder. Andreas scheint auch wieder Fuss im Leben zu fassen. So nimmt er einen Aushilfsjob an und trifft alte Freunde wieder, welche die gemeinsame Vergangenheit in ihm aufleben lassen. Das Geld jedoch kommt und geht und die nächsten beiden Sonntage nach der Messe sind stets weniger als 200 Franc übrig.

Am dritten Sonntag stirbt Andreas in der Sakristei der Kapelle der kleinen Therese mit mehr als zweihundert Franc in der Tasche und den Worten »Fräulein Therese!« im Mund.

Da ich dieses Wochenende fast jede freie Minute beim Tauchen war, bin ich leider nicht zum Lesen gekommen. Also habe ich mir heute Abend ein sehr dünnes Buch ausgesucht, habe mich in die Badewanne gelegt und gelesen. Gefallen hat mir das Buch allerdings nicht wirklich. Ja, in dem Text von Joseph Roth sind viele Andeutungen bezüglich unseres eigenen Lebens erkennbar und auch der letzte Satz des Buches »Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!« spricht diese Sprache. Doch irgendwie hat das Buch es nicht geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen. Geschrieben im Stil eines Märchens, verzeiht man dem Buch durchaus die etwas konstruierte Geschichte. Und dennoch finde ich die Geschichte zu platt und zu belanglos um im Text zu versinken. Ich kann auch die überaus guten Bewertungen bei Amazon nicht wirklich verstehen.

Donnerstag, 13. September 2007

Leon & Lara – Britta Sauer

als ich heute vom Geschäft heim gekommen bin, habe ich mir etwas zu Essen gemacht und mich danach zum Entspannen auf das Sofa vor den Fernseher gelegt. Viel habe ich die nächsten drei Stunden nicht mitbekommen, da ich sofort eingeschlafen bin. Kurz nach 23:30 habe ich verschlafen meine Augen geöffnet und die ersten Minuten des Films Leon & Lara eigentlich nur im Halbschlaf mitbekommen. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Halbschlaf in den Film 'eingestiegen' bin und vielleicht waren meine Gefühle im Halbschlaf zugänglicher, aber der Film hat mich total verzaubert.

Leon und Lara waren in der Schule ein Paar. Doch als Leon Lara betrügt verlässt sie ihn. Ihre drei Versuche ihn in den Jahren darauf zu kontaktieren bleiben unbeantwortet. Doch als das zehnjährige Abiturtreffen vor der Türe steht, hofft Lara darauf Leon wieder zu sehen.
Doch Leon scheint nicht zu kommen und so ruft Lara enttäuscht ihren Freund an und bittet ihn sie abzuholen. Da dieser jedoch Spätschicht hat, verspricht er in einer Stunde dort zu sein. Und gerade als Lara auflegt, steht Leon hinter ihr.
Beide haben also genau eine Stunde zeit um zehn Jahre aufzuholen. Zehn Jahre in denen viel passiert ist und doch scheint es eine Brücke über die Zeit zu geben.

Diese Brücke, die für mich total spürbar wurde ist auch genau das, was mich an diesem Film so berührt hat. Zunehmend erfährt man mehr über das Leben der Beiden und deren Werdegang nach ihrer Trennung. Immer wieder merkt man dabei, dass sie sich zwar zehn Jahre nicht gesehen haben und doch emotional sehr verbunden waren. Das klingt vielleicht etwas kitschig, aber der Film schafft es, dieses Gefühl in einer absolut glaubhaften Art und Weise zu vermitteln. Eine Weise, die den Zuschauer mitfiebern lässt und zumindest mich sehr gerührt hat.

Ein Buch scheint es leider nicht zu diesem Film zu geben. Aber ich habe eine Website mit Kurzfilmen und Filmprojekten entdeckt, auf der man den Film für € 1.20 anschauen kann. Es lohnt sich.

P.s. diese Website enthält auch viele andere Filme, die sehr interessant klingen. Einige davon sind auch kostenlos. Man muss sich lediglich (kostenlos) registrieren. Ich werde sicher in nächster Zeit sicher ein paar dieser Kurzfilme anschauen.

Mittwoch, 12. September 2007

Unsichtbar – Ivana Jeissing

Jane Terry, die Protagonistin dieses Romans, ist unsichtbar. Nicht unsichtbar im Sinne von Jack Griffin in H.G. Wells Klassiker The invisible man. Vielmehr ist Jane in aller Gesellschaft so unauffällig und zurückhaltend, dass sie oft nicht wahrgenommen wird. Jane hat dies von ihrer Mutter gelernt, denn diese opferte ihre Sichtbarkeit dem Ehefrieden und begab sich freiwillig in den Schatten ihres Mannes.

Dies, zusammen mit der Tatsache, dass sich Jane von ihren Eltern nicht sonderlich geliebt gefühlt hat führte auch dazu, dass Sie sich in den Schatten ihres Mannes begeben hatte um dort die vermisste Liebe in all ihrer Unsichtbarkeit zu finden. Die ersten Jahre geht ihre Rechnung auch auf, doch nach einem Umzug von London nach Berlin lernt Jane den alten Betreiber eines Kinos kennen. Mit Fred reflektiert sie ihre Lage und fängt an ihr Dilemma zu erkennen.

Der Roman beschreibt, wie Jane aus ihrer eigenen Unmündigkeit ins Licht tritt und ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Allerdings erst nach einigen Schmerzlichen Einsichten. Sätze wie

»Und wie oft habe ich vergessen, den Geschirrspüler richtig einzuräumen, und als Peter das saubere Geschirr ausräumte, hat er nicht gesehen, daß es sauber war, sondern nur, daß es falsch eingeräumt war.«

illustrieren die Macht der Gewohnheit, die uns von unserem Partner in festgeschriebenen Bahnen denken lässt und das, was wir erwarten somit zur Wahrheit erhebt - unserer Wahrheit.

Das erste Drittel des Romans habe ich einfach so verschlungen. Mir gefällt die Art und Weise, in der Ivana Jeissing für Dinge, die wir aus unser aller Leben kennen Bilder findet, die uns die dahinter liegenden Mechanismen veranschaulicht. Zugleich schreibt sie sehr locker und unprätentiös, so dass sich das Buch sehr flüssig liest. Lediglich das zweite Drittel ist für meinen Geschmack etwas in ein literarisches 'Sex and the City' abgerutscht. Der Schluss hat mir wieder gut gefallen.

Zum Schluss, soviel sei vorweg genommen, findet Jane jedoch ihren ganz eigenen Weg und tritt aus ihrem selbst gewählten Schattendasein in die Sonne.

»Danke. Mir geht es gut. Ziemlich gut sogar.«
»Unsichtbar und gut?«»Nein. Sichtbar gut. Seit ich weiß, daß ein unsichtbares Leben nicht unverwundbar macht, sondern nur ohne einen stattfindet.«

Dienstag, 11. September 2007

Die Sache mit dem Glück – Yael Hedaya

Das erste Buch welches ich von Yael Hedaya gelesen habe (Zusammenstöße. Eine Liebesgeschichte), hatte ich mir eigentlich nur wegen des Namens der Autorin gekauft. Yael, so sollte unsere Tochter heissen, die ich mir damals, vor der Trennung von meiner Partnerin, so sehr gewünscht hatte. Das Buch gefiel mir aber gut. Nicht zuletzt, da die Autorin auf interessante Weise das Leben in Israel in ihre Geschichte eingeflochten hat, was mich ebenfalls an unsere kurze Zeit in Israel erinnert hatte. Tja, die Nostalgie ;-). Nun aber zum eigentlichen Buch.

Matti ist Vater zweier Jungen mit Mira und hat vor kurzem erfahren, dass er an einem unheilbaren Gehirntumor leidet. Unaufhörlich schreitet dieser voran und raubt Matti jegliche Selbständigkeit, bis er schlussendlich in ein Hospiz eingewiesen wird. Doch auch wenn Matti das Element ist, welches alles in diesem Roman zusammenhält und verbindet, so geht es letztendlich doch um die Sichtweisen der beiden Frauen, die eine Rolle in Mattis Leben spielen.

Einerseits ist das natürlich Mattis Frau Mira. Doch parallel und auf ungreifbare Weise sehr präsent ist Alona, die grosse Liebe Mattis. Als Matti und Alona sich kennen lernten, war er 30 und sie gerade eben 15. Und auch wenn das Jahr, das Matti und Alona zusammen verbracht haben bereits viele Jahre zurück liegt, so überschattet es doch das ganze weitere Leben von Matti und Mira.

Auf sehr bedrückende und manchmal sogar emotional brutale Weise schildert Yael Hedaya die Gefühlswelten der drei Beteiligten. Obwohl man merkt, dass alle Beteiligten in vielen Momenten, die beschrieben werden, nach ihrem Glück streben, kommt nie wirklich eine Hoffnung beim Leser auf.

Sehr interessant ist auch die laufend wechselnde Erzählperspektive aus Sicht der verschiedenen Beteiligten. Durch diese wechselnde Perspektive werden die tragischen Verflechtungen zwischen der einzelnen Beteiligten noch krasser sichtbar, denn wenn eine Handlung, in die der Erzählende all seine Hoffnung legt, aus der darauf folgenden Sichtweise des Gegenüber entweder total falsch verstanden oder als das genaue Gegenteil empfunden wird, so macht sich beim Leser eine tiefe Hoffnungslosigkeit breit.

Gegen Ende des Romans lernen sich allerdings Mira und Alona persönlich kennen und für mich setzt dies ein Wandel in Gang, der einen Ausweg aus dieser fatalen Konstellation aufzeigt. Somit verliert der Roman gegen Ende etwas von seiner Bedrohlichkeit und findet zu einer gelungenen Balance zwischen hartem Realismus und der Möglichkeit für Mira und Alona ihr weiteres Leben wieder in ihre eigenen Hände nehmen zu können.

Montag, 10. September 2007

Dieser Tag - Mondscheiner

Vor ein paar Tagen hat mir eine Bekannte einen Link eines Videos auf YouTube geschickt und seither bekomme ich dieses Lied nicht mehr aus meinem Kopf ;-). Also dachte ich, dass ich es auch mit den Lesern meines Blogs teilen kann. Für mich versprüht dieser Song einfach Lebenslust. Viel Spass beim Hören.



P.s.: Wer sich für weitere Lieder von Mondscheiner interessiert, findet hier eine Auswahl.

Sonntag, 9. September 2007

Hallo, ist da jemand? - Jostein Gaarder

Joakim ist acht und liegt tief im Schlaf, als er von seinem Vater geweckt wird. »Du musst aufwachen, Joakim! […] Es ist mitten in der Nacht, aber das weiß das Baby ja nicht, und jetzt will es nicht mehr in Mamas Bauch sein«. In aller Eile ruft sein Vater noch Tante Helene an, die sich mit dem ersten Bus aufmachen wird um auf Joakim acht zu geben, während seine Eltern im Krankenhaus sind. Doch bis dahin ist Joakim alleine und so sitzt er an seinem Fenster und starrt in den Sternenhimmel.

Alles ändert sich jedoch, als er zuerst eine Sternschnuppe über den Himmel jagen sieht, die direkt im Garten vor dem Haus landet und er kurz danach einen kleinen Jungen schreiend an seinen Hosenträgern im Apfelbaum hängen sieht. Mika, der kleine Junge im Apfelbaum, kommt vom Planten Eloj. Einem Planeten, der einige Ähnlichkeiten mit der Erde hat. Und doch hat Mika komische Angewohnheiten und Ansichten. So verbeugt er sich beispielsweise immer, wenn Joakim eine gute Frage stellt. Nie aber wenn er antwortet, denn »eine Antwort ist immer ein Stück des Weges, der hinter dir liegt. Nur eine Frage kann uns weiterführen«.

Aber abgesehen von den unterschiedlichen Angewohnheiten der Beiden entdecken sie bald, dass es die gleichen Fragen sind, die sie bewegen und so entdecken Beide, dass vieles, was wir für alltäglich nehmen in sich selbst schon ein kleines Wunder ist.

Gelesen habe ich dieses Buch am vorletzten Sonntagvormittag in der Badewanne. Es liest sich sehr zügig und mit seinen knapp hundert Seiten ist man relativ schnell durch. Mir hat es persönlich gut gefallen, denn die Welt der Kinder und ihre Sichtweise ist schon immer eine Welt gewesen, die mich fasziniert. Nicht als Ersatz zur Welt der Erwachsenen (denn dort fühle ich mich wohl und würde nicht wieder ein Kind sein wollen), sondern als Anregung flexibel zu sein. In einer Kurzgeschichte habe ich das mal so umschrieben: „Manchmal öffnet uns die Blauäugigkeit Türen, die wir schon längst zuvor verschlossen geglaubt haben.“

Sonntag, 19. August 2007

Die Welt der schönen Bilder – Simone de Beauvoir

Die Welt der schönen Bilder; Laurence, die Protagonistin dieses Romans, erschafft sie sich selbst. Einerseits ist sie Werbegrafikerin und erschafft so die Welten, die nach aussen hin wie das unendlich andauernde Glück erscheinen. Andererseits haben diese Bilder aber auch von ihrer eigenen Welt Besitz ergriffen. Zusammen mit ihrem ebenfalls erfolgreichen Mann Jean-Charles und derer beiden Töchter, lebt Sie in einer materialistischen und oberflächlichen Welt. Einer Welt der schönen Bilder.

Doch der Schein trügt, das ist Laurence auch irgendwie klar, doch sie setzt sich damit nicht von selbst auseinander. Zu verführerisch und überschaubar einfach funktioniert die Welt, in der sie lebt. Der eigentliche Anlass, für Laurence hinter die Bilder ihres Lebens zu schauen, ist eine Frage ihrer elfjährigen Tochter Catherine: "Mama, warum ist man auf der Welt".

Im Laufe des Buches begibt sich Laurence nun auf die Reise, ihre eigene Bestimmung zu entdecken. Geleitet wird sie auf dieser Reise jedoch nicht von dem kognitiven Vorsatz ihre Bestimmung zu entdecken. Vielmehr ist sie getrieben von einem inneren Schmerz, der mittlerweile so stark geworden ist, dass Sie die Energie aufbringt an der Oberfläche der schönen Bilder zu kratzen. Stellenweise geschieht dieses Kratzen in stark nihilistischer Form, aber es ist nicht der Nihilismus als Selbstzweck, den Simone de Beauvoir hier beschreibt. In meinen Augen ist es einfach das Gegengewicht zu der verherrlichenden und mit Zuckerwatte zukleisternden Welt, die alles schön redet und in Gleichmut erstickt.

Auf den letzten Seiten des Buches findet Laurence auch eine Bestimmung, doch ich bezweifle, dass sie ihr ganzes zukünftiges Leben mit dieser Bestimmung zufrieden sein wird. Sie wird erneut auf Sinnsuche gehen müssen, denn Sinn ist nichts allgegenwärtiges, was unveränderlich durch alle Zeiten hinweg besteht. Sinn ist etwas was wir erschaffen und was sich demzufolge mit uns ändert.

Dienstag, 14. August 2007

Erste Liebe, Letzte Riten – Ian McEwan

Das, was man sich vermutlich unter 'Erste Liebe, Letzte Riten' vorstellt, wird man in diesem Buch wohl nicht finden. Wenn man den Titel jedoch näher betrachtet, so gibt er doch einen Hinweis darauf, was einen beim Lesen erwartet. Der erste Teil 'Erste Liebe' deutet auf Jugendliche, die aus der Unschuld der Jugend heraus die Liebe und deren Spielformen entdecken. Der zweite Teil des Titels ist ein absoluter Kontrast dazu. Nämlich die zum teil morbiden und skurrilen Riten mancher Erwachsener.

In diesem Buch lässt McEwan diese beiden Welten, in acht unabhängigen Kurzgeschichten aufeinanderprallen. Das Ergebnis sind zum teil sehr irritierende Geschichten, da es um Themen wie Vergewaltigung, Mord oder Missbrauch geht. Nach der Lektüre dieses Buches habe ich überlegt, welches Wort das Gefühl, das man nach dem Lesen des Buches hat, wohl am besten beschreibt. Mir ist hierzu nur ein englisches Wort eingefallen: ‚disturbing’. Es ist nämlich komischerweise nicht wirklich schockierend, denn McEwan versteht es immer wieder, die sonst mit diesem Thema verbundenen reisserischen Töne (Presse), die Schuldzuweisungen und die Moral vom eigentlichen Geschehen zu entkoppeln. Fast lakonisch beschreibt er einen Mord und würden wir Leser diesen Mord nicht gedanklich in unsere reale Welt transponieren, so würde man vom Text her nicht meinen können, dass gerade etwas Schreckliches passiert ist.

Literarisch überzeugt das Buch voll und ganz. Nur der Inhalt und die Grausamkeiten, die hinter solchen Geschichten, wie sie auch die Wirklichkeit kennt stecken, hinterlassen einen ganz fahlen Nachgeschmack.

Ein Buch über die menschlichen Abgründe aus der Sicht derer, die ihnen verfallen sind. Ein Buch ohne eine leitende oder richtende Moral. Ob ich es empfehlen würde? Ich bin mir unsicher. Geschrieben ist es aber wirklich sehr gut.

Sonntag, 12. August 2007

Streetparade 2007

Heute habe ich kaum etwas gelesen, denn es war Streetparade! ;-) Diesmal waren wir jedoch nicht auf dem Umzug, sondern sind erst später clubbing gegangen. Von 19:00 bis 07:00 waren wir in verschiedenen Clubs unterwegs. Die Afterhour im Oxa schenkten wir uns allerdings, da die Energy07 Tickets leider für die Afterhour nicht mehr gültig waren. Es war aber auch so ein toller Tag mit viel Tanzen, cooler Musik, schrägen Leuten, guten Gesprächen (yep, beim McDonalds zwischen zwei Club Besuchen kann man sich auch während einer Streetparade gut unterhalten) und einfach viel Spass.

Auch am Mittwoch waren wir schon clubbing im X-Tra. Dort habe ich 5h am Stück getanzt und war vollkommen erschöpft aber auch total zufrieden heim gekommen. In letzter Zeit habe ich sowieso total Lust zum Tanzen und Clubbing, so dass ich in nächster Zeit ganz sicher öfters gehen werde ;-).

...und jetzt gönne ich mir ein paar Stunden Schlaf ;-)

Montag, 6. August 2007

Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit – Paul Watzlawick

Dieses Buch von Watzlawick besteht hauptsächlich aus einem Interview zwischen Watzlawick und Franz Kreuzer, einem Österreichischen Journalist und Moderator. Grundlage des Interviews sind Watzlawicks Bücher 'Wie wirklich ist die Wirklichkeit' und 'Die erfundene Wirklichkeit'. In mehreren Abschnitten wird im Verlauf des Buches der radikale Konstruktivismus, welcher Watzlawicks Denkensweise zugrunde liegt erläutert und an Beispielen plastisch beschrieben.

Im Gegensatz zu den beiden Büchern, die ich bisher von Watzlawick gelesen habe (Anleitung zum Unglücklichsein und Vom Unsinn des Sinns) und die eine starke psychotherapeutische Komponente besassen, ist dieses Buch hauptsächlich aus dem Blickwinkel der Erkenntnistheorie geschrieben. Wer sich allerdings in irgendeiner Form zuvor mit Watzlawick beschäftigt hat, wird so gut wie alle der Beispiele und Thesen wiedererkennen.

Da ich in letzter Zeit viel von Sartre gelesen habe, hatte ich beim Lesen dieses Buches natürlich noch die Grundzüge des Existentialismus in Erinnerung und so ist mir eine Schlussfolgerung Watzlawicks besonders aufgefallen. Auf Seite 31 schreibt er:

"Aus der Idee des Konstruktivismus ergeben sich zwei Konsequenzen. [...]. Zweitens ein Gefühl der absoluten Verantwortlichkeit. Denn wenn ich glaube, daß ich meine eigene Wirklichkeit herstelle, bin ich für diese Wirklichkeit verantwortlich, kann ich sie nicht jemandem anderen in die Schuhe schieben."

Und das hat mich doch sehr an die Worte Sartres über Baudelaires Dilemma (siehe hier) erinnert. Ich fand es erstaunlich, wie ähnlich die Schlussfolgerungen zweier grundverschiedener Erkenntnistheorien schlussendlich doch sein können.

Alles in Allem war es ein interessantes Buch, auch wenn mir die meisten Gedanken bereits bekannt waren. Sind Gedanken jedoch in andere Worte verpackt, klingen sie anders in uns nach und finden somit neue Resonanzen unserer Gedanken und Erfahrungen - Wir entdecken, oder radikal konstruktivistisch gesprochen, erschaffen Neues.

Sonntag, 5. August 2007

Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil – Jutta Richter

Nach der etwas schwereren Kost gestern, habe ich heute Nachmittag am See ein modernes Märchen gelesen. Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil handelt von einem Hund, der kein Zuhause hat und streunend von Feldscheune zu Feldscheune durch die Welt zieht. Dabei hat er gelernt skeptisch zu sein und den Menschen nicht über den Weg zu trauen, doch als er Lotte und später auch ihren Bruder 'Prinz Neumann' kennenlernt, verliert er langsam seine Scheu und erzählt den Beiden sogar seine Lebensgeschichte.

Ja, richtig gehört, er erzählt ihnen die Geschichte seiner Herkunft. Denn es handelt sich um einen gebildeten Hund. Er spricht fliessend vier Fremdsprachen (Menschisch, Kätzisch, Täubisch und Rättisch). Angefangen hat diese Geschichte mit der Frage nach seinem Namen. Bisher hatte der Hund keinen richtigen Namen, denn wer nie gerufen wird braucht auch keinen Namen. So erfindet der Hund die Geschichte von G. Ott, dem grossen Erfinder, der ihn, seine Erfindung, Hund getauft hat. Er erzählt auch von Lobkowitz, dem engen Freund des grossen Erfinders und warum dieser verstossen wurde und letztenendes im Wein seinen Halt fand.

Das Märchen wechselt immer zwischen der Gegenwart und der Geschichte, die der Hund erzählt. Immer hört der Hund an den spannenden Stellen auf und vertröstet Lotta und ihren Bruder auf den nächsten Tag, denn er hat Angst, dass er wieder verstossen werden würde, wenn er die Geschichte fertig erzählt hätte. Doch nach und nach merkt er, dass die Zuneigung, die ihm von Lotta und 'Prinz Neumann' entgegengebracht wird nicht von seinen Geschichten abhängt - und so findet er ein neues Zuhause.

Ich fand das Buch richtig schön zu lesen und musste immer wieder schmunzeln, denn die Einfälle und Beschreibungen sind zum Teil wirklich gut. Eigentlich die ideale Gutenachtgeschichte für die Kids. Und so wandert das Buch in meinen Bücherschrank und wartet wohl darauf, in einigen Jahren wieder hervorgeholt zu werden (oder warte ich darauf es hervorzuholen?)...

Der Zementgarten – Ian McEwan

Das zweite Buch, welches ich heute gelesen habe war 'Der Zementgarten' von Ian McEwan. Nach den beiden anderen Büchern (Der Tagträumer und Der Trost von Fremden), welche ich von ihm gelesen habe und die unterschiedlicher nicht hätten sein können, war ich darauf gespannt, in welche der beiden Richtungen sich McEwan in den folgenden Büchern weiterentwickeln würde. Die Antwort für dieses Buch ist relativ klar ausgefallen; Es geht in die Richtung, in der McEwan die unter der Haube der Zivilisation begrabenen, aber dennoch existenten Geheimnisse zu Tage fördert.

Jack, seine beiden Schwestern Julie und Sue, wie auch der kleine Bruder Tom sind die tragenden Charaktere dieses Romans. Kurz nach dem Tode ihres Vaters, stirbt auch die Mutter der vier Geschwister. Vor lauter Angst getrennt zu werden und alleine in einem Kinderheim aufzuwachsen, beschliessen die beiden ältesten Jack und Julie ihre Mutter im Keller in Beton einzugiessen und fortan als eine Familie zu viert ihr Leben zu gestalten.

Nach einer kurzen Zeit der Verwahrlosung der Geschwister unter der fehlenden Hand der Mutter, finden sie zu einer neuen Ordnung in ihrer Familie zurück. Eine Ordnung, die sich gänzlich abseits der Normen und kulturellen Auflagen unserer Gesellschaft gebildet hat. So entwickeln sich neben der neuen Rangordnung in der Gemeinschaft zum Beispiel auch inzestuöse Liebesbeziehungen unterhalb der Geschwister. Gemeinsam schotten sich die Kinder gegenüber der Aussenwelt ab und bauen im häuslichen Schutz ihre eigene neue Gemeinschaft auf - Eine Gemeinschaft auf Basis ihrer eigenen Regeln.

An diesen Stellen hat mich das Buch immer wieder an Goldings 'Herr der Fliegen' erinnert, in welchem er die Strukturen und Zustände beschreibt, die Kinder in der Absenz der elterlichen Erziehung errichten. Im Lichte dieses Buches, wie auch Goldings 'Herr der Fliegen', bekommt so auch der Text von Grönemeyers 'Kinder an die Macht' eine ganz neue Bedeutung.

Grundsätzlich war das Buch interessant und flüssig zu lesen. Wenn ich es jedoch mit 'Der Trost von Fremden' vergleiche, so fehlte es ihm doch an einer gewissen Finesse um die Geschehnisse noch plastischer aufzubauen und erscheinen zu lassen.

Samstag, 4. August 2007

Baudelaire - Jean-Paul Sartre

Wer hat sie nicht schon gelesen, oder zumindest von ihr gehört, der morbiden Kunst von Charles Baudelaire. Bis heute verband ich sein Hauptwerk 'Les Fleurs du Mal' mit einem Baudelaire, der sich als Dandy und Bohème der späten Romantik auszeichnete. Umso mehr hat mich Sartres existentielle Psychoanalyse Baudelaires interessiert und fasziniert,

In diesem Buch spricht Sartre dem Leben Baudelaires jeglichen Determinismus und Schicksal ab. In vielen Details und Beispielen entwickelt er ein Psychogramm eines Baudelaires, der seiner Schicksalsschläge eigener Herr und Dirigent war. In vielen Teilen des Buches klingt Sartres Analyse auch sehr plausibel und nachvollziehbar. Mit dem festen Willen seine existentialistische Theorie an Baudelaire zu manifestieren, geht Sartre allerdings sehr weit.

Wie genau jedoch Sartres Psychoanalyse auf das historische Leben Baudelaires zutreffen mag, ist aus meiner Sicht überhaupt nicht relevant, denn Baudelaire steht hier als Vertreter eines bestimmten (und zugegebenermassen, sehr extremen) Menschentypus. Einen Menschentypus, der viele, über unsere Bevölkerung verstreute, Eigenschaften in sich vereint. So wird jeder Leser wohl einzelne Verhaltensweisen, Angewohnheiten oder Sichtweisen bei sich selbst entdecken und durch die Sichtweise Sartres einen Blick aus einer neuen Perspektive auf sich selbst richten können.

Worauf basiert nun der Grossteil Sartres Deutung? So sehr wir uns alle (zumindest vordergründig) die Freiheit wünschen, so sehr ist sie auch ein zweischneidiges Schwert. Während sie uns Bewegungsraum und Potential zur Verfügung stellt uns zu entwickeln, so beraubt sie uns gleichzeitig der Sicherheit, Geborgenheit und Stabilität, die wir ebenfalls zum Leben benötigen. Es ist genau dieser Gegensatz, den Baudelaire nach Sartres Meinung nicht hinnehmen wollte. So versuchte Baudelaire beide Welten, die der Freiheit, wie auch die der Geborgenheit, aufs vollste auszukosten. Exemplarisch hierfür stehen folgende Zitate:

„Das Schöpferische ist jedoch reine Freiheit; nichts geht ihm voraus, es beginnt mit der Erschaffung seiner eigenen Prinzipien, es erfindet vor allem sein eigenes Ziel. Dadurch hat das Schöpferische teil an der Unverbindlichkeit des Bewußtseins. Es ist diese gewollte, immer wieder überdachte, zum Ziel erhobene Unverbindlichkeit. Und eben dies erklärt Baudelairs Liebe zum Künstlerischen.“

und

„Das Kind hält seine Eltern für Götter. Ihre Taten und ihre Urteile sind absolute Größen; sie verkörpern die Weltvernunft, das Gesetz, den Sinn und das Ziel der Welt. Wenn diese göttlichen Wesen ihm ihren Blick zuwenden, so rechtfertigt dieser Blick das Kind bis ins Innerste seines Daseins; er verleiht ihm ein fest umrissenes und geheiligtes Wesen: da die Eltern sich nicht irren können, ist das Kind so, wie sie es sehen. [...] Baudelaire hat stets an diese grünen Paradiese der kindlichen Liebe zurückgedacht. Er hat das Genie definiert als »die absichtlich wiedergefundene Kindheit«.“

Da dieser Gegensatz wohl in uns allen in der einen oder anderen Form existent ist (wenn auch nicht unbedingt so pathologisch ausgeprägt wie bei Baudelaire), kann ich mir gut vorstellen, dass dieser Text viele Leser zum Nachdenken anregen wird und uns, wie oben beschrieben, teilweise eine neue Sichtweise auf uns selbst eröffnen wird. Abschliessen möchte ich diesen Blogeintrag aber mit einem Zitat, das mich sehr zum Nachdenken angeregt hat:

„Das Gesetz der Einsamkeit könnte man auch so ausdrücken: kein Mensch kann die Aufgabe, seine Existenz zu rechtfertigen, auf andere abwälzen. Und gerade das ist es, was Baudelaire erschreckt.“

Freitag, 3. August 2007

Bekenntnis einer Freundschaft – Antoine de Saint-Exupéry

Gerade bin ich im Bett gelegen und habe dieses kleine Büchlein gelesen. Letztendlich ist es eine Hommage an die Freundschaft wie auch die Menschlichkeit, die ihr inne wohnt.

Als Saint-Exupéry 1940 vor der drohenden Zerstörung des Weltkrieges über Lissabon nach USA flüchtete, lies er seinen wohl besten Freund Léon Werth in Frankreich zurück. Ihm ist dieses Buch gewidmet. In vielen Metaphern und Beispielen beschreibt es die Züge einer grossen Freundschaft, die tiefer reicht als der gemeinsame Grund der Anschauung oder eines gemeinsamen Verständnisses.

"Ich, der ich wie jeder das Bedürfnis empfinde, erkannt zu werden, ich fühle mich in Dir rein und gehe zu Dir. Ich muß dorthin gehen, wo ich rein bin. Weder meine Bekenntnisse noch meine Haltung haben Dich darüber belehrt, wer ich bin. Dein Jasagen zu dem, was ich bin, hat Dich gegen Haltung und Bekenntnis nachsichtig gemacht, sooft es nötig war. Ich weiß Dir Dank dafür, daß Du mich so hinnimmst, wie ich bin. Was habe ich mit einem Freund zu tun, der mich richtet? Wenn ich einen Hinkenden zu Tisch lade, bitte ich ihn, sich zu setzen, und verlange von ihm nicht, daß er tanze."

Dies finde ich einen der schönsten Sätze des ganzen Buches. Es hat mich wieder einmal daran erinnert, wie wenig es bringt über sich selbst zu erzählen, denn wie Max Frisch in seinem Buch 'Mein Name sei Gantenbein' schreibt, so erfindet doch jeder früher oder später eine Geschichte, die er sein Leben nennt und vermittelt diese auch. Doch ist das das wirkliche Leben? Man kennt sich doch selbst nicht einmal so gut, als dass man es in Worte fassen könnte.

Wenn eine Freundschaft also tiefer reicht als die alleinige Basis irgendeines Konsenses (Weltanschauung, Politik, Lebensführung, Freizeit, etc.) und wenn man den Anderen in seiner 'inneren Heimat' belassen kann, ohne ihn der eigenen 'inneren Heimat' anzunähern und ihm gleichzeitig stark verbunden ist, so ist das wohl die Grundlage für eine wirkliche Freundschaft. Hier darf sich nun jeder selbst fragen (und sollte beim Geben der Antwort nicht erschrecken):


Dienstag, 31. Juli 2007

Glaubst Du, daß es Liebe war? – Alex Capus

Harry Widmer Junior wird Fahrradmechaniker in der Werkstatt seines Vaters. Nicht weil das seine Berufung wäre, sondern weil es der Weg des geringsten Widerstandes ist. Bald übernimmt Harry auch das Geschäft seines Vaters, der sich von den Geschäftspraktiken des Sohnes distanzierend zurückzieht.

Während die Arbeit nicht wirklich das Interesse Harrys auf sich zu ziehen vermag, schaffen dies die Frauen um so mehr. Zwar ist Harry nicht der best aussehenste im Dorf, noch der eloquenteste oder charmanteste. Doch auch wenn die Chancen klein sind, so ergeben sich dennoch in regelmässiger Wiederholung Affairen mit Frauen, wenn man einfach genügend viele anspricht und kennen lernt - So zumindest die Logik Harrys. So lernt er auch die Thailändische Nancy kennen, die hinter der Theke in der Pianobar des Dorfes arbeitet. Langsam fällt Harry auf, dass er Dinge tut, die er zuvor nie getan hat. Sie fahren drei Wochen in Urlaub zusammen, er bietet ihr an bei sich einzuziehen und überhaupt scheint Nancy nicht nur eine der vielen Frauen aus der Reihe davor zu sein.

Doch als Nancy schwanger wird und Harry die Schulden über den Kopf wachsen, weiss er sich nicht anders zu helfen als sich ins Ausland abzusetzen. In Mexiko lässt er sich nieder und erst nachdem all sein Geld aufgebraucht ist, baut er sich dort eine Existenz auf. Mehr als fünf Jahre lebt er dort, doch die Gedanken an Nancy wollen ihn nicht wirklich verlassen. Als Harry erfährt, dass die Frau eines Freundes Thailänderin ist fällt er einen Entschluss - Er lernt Thai.

Rein schreibtechnisch ist wirklich nichts an dem Buch auszusetzen. Es ist leicht und flüssig zu lesen, der Aufbau ist nachvollziehbar und doch habe ich irgendwie die Seele des Buches vermisst. Erst in der letzten Zeile ist diese Seele leicht aufgeflackert. Eigentlich viel zu spät für ein solches Thema und für einen so bewanderten Autoren.