Montag, 29. Dezember 2008

Der blaue Siphon – Urs Widmer

Heute ist ein fauler Tag. Nachdem ich erst spät aufgestanden bin, neben einem Kaffee eMails beantwortet habe, lies ich mir mal wieder die Wanne voll laufen schnappte mir dieses Buch von Urs Widmer und versank in den Fluten.

 

Wer kennt es nicht, das Gefühl im Kino zu sitzen und in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt, die einen mitunter noch ein paar Stunden nach dem Kinobesuch gefangen halten kann. So ähnlich und wohl doch anders ergeht es dem Autor und Ich-Erzähler dieser Geschichte, welcher zusammen mit seiner Frau Isabelle und Tochter Mara im Zürich der frühen 90er Jahre lebt.

 

Nun muss ich aber wohl erklären, was ich mit ‚so und wohl doch anders’ meine. ‚So’ weil er ebenfalls nach einem Kinobesuch in eine andere Welt versunken war. Eigentlich war es durchaus seine eigene Welt - nur eben 49 Jahre früher. ‚Anders’ weil er auf magische Weise durch seine alte Welt schreitet und mit ihr in einer Art und Weise wechselwirkt, wie er es nur könnte, wenn er sich real in ihr befindet. Doch spätestens, als er beim Weg zurück in seine jetzige Welt nicht alleine durch die Türe der Zeit schreitet, verliert sich der Konjunktiv im vorherigen Satz.

 

‚Der Blaue Siphon’ ist ein interessantes Buch, welches am Anfang etwas Konzentration erfordert, um die Zeitbezüge zu verstehen und richtig einzuordnen. Schnell wird das Prinzip jedoch klar und es liest sich flüssig und interessant. Und doch hat mich das Buch nicht so stark angesprochen, wie es das mit dieser Geschichte hätte tun können. Über viele Stellen hinweg fand ich es fast zu sachlich erzählt. Oft hätte ich mir gewünscht ein wenig in den Gefühlen der Menschen zu verweilen, ihnen zu folgen, sie auch auf dieser Ebene zu verstehen. Wer bekommt denn schon die Chance seinem Kindermädchen, in welches man verliebt war, als erwachsener Mann in ähnlichem Alter gegenüber zu stehen oder seiner zukünftigen Frau im Alter von zwei Jahren zu begegnen. Hier hätte ich mir mehr erwartet, denn das Gerüst der Geschichte ist wunderbar und würde so viel mehr Potential bieten.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Gut gegen Nordwind – Daniel Glattauer

Eigentlich wollte Emmi Rothner lediglich ihr Abonnement einer Zeitschrift aus dem ‚Like’ Verlag kündigen. Doch beim Tippen der eMail-Adresse war die linke Hand der ehemaligen Linkshänderin schneller als die Rechte, was dazu führte, dass sie mit Leo Leike in Kontakt kam. Ein Kontakt, der die ersten Monate eher spärlich verläuft. Doch mehr oder weniger zufällig und ohne jede Intention, entwickelt sich ein immer intensiverer eMail Verkehr, welche das Leben der beiden Unbekannten immer stärker beeinflusst und steuert.

 

»Im Ernst: Eine Frau, die über uns sagt: „Wenn es gut für Dich ist, ihr zu schreiben, dann schreibe ihr“, die ist kilometerweit von dem entfernt, was ich unter Liebe verstehe. Marlene liebt Leo nicht. Leo liebt Marlene nicht. Beide Nicht-Liebenden schöpfen aus der Sehnsucht nach der Liebe des anderen ihre Leidenschaft. So, klüger kann ich’s nicht. Ich muss jetzt arbeiten. Bis bald. Emmi, die virtuelle Alternative.«

 

Mich hat das Buch schon nach den ersten Seiten gefesselt und so war ich schon etwas traurig, als ich nach 3 ½ bereits die letzte Seite umblätterte. Es ist witzig und geistreich geschrieben und lässt vor den Augen des Lesers, der lediglich Zeuge der eMails zwischen den Beiden ist, ein Bild aus den Farben der Sehnsüchte, der Ängste und der Menschlichkeit auf einer Leinwand der Virtualität entstehen. Ein wirklich tolles Buch, welches sich einerseits flüssig und total einfach liest und andererseits doch sehr viel über uns Menschen und unsere Sehnsüchte aussagt. Unbedingt lesen!

 

Lustig ist vielleicht auch noch, dass ich dieses Buch von jemandem empfohlen bekommen habe, die ich ebenfalls auch nur virtuell kenne ;-)

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Als das Meer verschwand – Brad McGann

Eigentlich hatte ich heute Abend vor früher ins Bett zu gehen, denn auch die letzten Tage ist es eher später geworden. Doch als ich aufwachte und so langsam zu mir kam, lag ich auf dem Sofa im Wohnzimmer und betrachtete, ohne das Bewusstsein einen Film zu sehen, die Bilder im Fernsehen vor mir. Zwar erstreckte sich diese Phase zwischen Schlaf und Film in realer Zeit gemessen wohl nur über ein paar Momente. Doch diese Momente genügten, um mich in einem Zustand zu halten, in dem man fast wie verwachsen mit den Bildern, den Stimmungen und Gefühlen der Schauspieler von der Handlung des Filmes hinfortgetragen wird.

 

Es war die Ruhe und Stille, speziell der Momente, in denen Paul und Celina sich zwischen all den Büchern gegenüber sassen, die jeglichen Lärm des Alltags durchbrach. Es genügten oft wenige Worte oder Gesten um das auszudrücken, was die Charaktere in sich bargen und so waren es oft die wortlosen Momente zwischen den Dialogen, die eine tiefe Empathie erst ermöglichte. Aber nun zum Inhalt des Films.

 

Nach 17 Jahren, in denen Paul als Kriegsberichterstatter weit weg ab seiner Heimat lebte, ist es die Beerdigung seines Vaters, die Paul zurück in seine Heimat bringt. Eine Heimat, in der die Uhren langsamer zu gehen scheinen als im Rest der Welt. Eine Heimat, deren Einwohner ihn alles Andere als willkommen heissen. Doch es ist weniger die Unterschiedlichkeit der beiden Welten, als die eigene Geschichte, die Paul auf stillen Füssen zurück in die Heimat folgt, welche eine stille Feindseligkeit heraufbeschwört. Inmitten dieser Stimmung lernt Paul Celia, die Tochter seiner früheren Freundin kennen. Es entsteht eine tiefe Freundschaft, die von vielen argwöhnisch beäugt wird und so werden auch schnell eben diese Stimmen laut als Celia spurlos verschwindet.

 

‚Als das Meer verschwand’ ist ein ruhiger Film. Ruhig in der Art, wie er erzählt wird, ruhig und sensibel in seinen Bildern und Tönen. Es ist ein Film, der eine Atmosphäre jenseits der fast schon üblich gewordenen Effekthascherei entstehen lässt. Es ist fast schon erstaunlich, um wie viel stärker die Tragik uns berührt, wenn sie uns nicht ob ihrer Gegenwart zu überzeugen versucht, sondern einfach nur anwesend ist. Oftmals scheinen es die leisen Worte und Gesten zu sein, die unsere grösste Traurigkeit und tiefste Melancholie am besten beschreibt.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Die letzte Liebe des Monsieur Armand – Françoise Dorner

Die Einsamkeit hat viele Gesichter und zweien davon begegnen wir in dieser kurzen Geschichte von Françoise Dorner. Zum einen ist da der seit einiger Zeit pensionierte Monsieur Armand, der früher für seine Bücher und die Philosophie gelebt hat, dem jedoch all dies nach dem Tot seiner Frau nichts mehr geben kann. Zum anderen treffen wir auf die 20 jährige Pauline, die auf der Suche nach Geborgenheit und menschlicher Nähe unermüdlich neue Anläufe macht, nur um sich kurz danach wieder enttäuscht zurück zu ziehen. Diese beiden so unterschiedlichen Charaktere treffen bereits auf den ersten Seiten des Buches zusammen und gehen schnell eine Art Symbiose miteinander ein, bei der der Leser, sollte er deren Natur benennen, wohl immer wieder zwischen einer Art von Liebe und einer Zweckgemeinschaft schwanken würde.

 

»Nocheinmal dachte ich über unsere Begegnung nach. Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über Alles stellt, Herz und Güte der moralischen Pflicht opfert, während die Andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiß, ohne daß Mißverständnisse  aufkommen.«

 

Eigentlich, so mag man am Anfang meinen, haben beide ihr Rezept gefunden um sich im Leben zurecht zu finden, doch über die Seiten des Buches hinweg erfahren wir immer mehr über die Risse im Bild, dringen immer tiefer in den eigentlichen Menschen mit all seinen Sehnsüchten und Ängsten ein und langsam wird offensichtlich, dass beide in ihrer Situation gefangen sind. Nicht weil sie nicht wissen, wie sie ihr entrinnen sollen, sondern weil sie nicht bemerken, dass sie gefangen sind. Doch beide scheinen katalytisch aufeinander zu wirken und so fangen sie an zu erahnen, welche neuen Wege sich ihnen öffnen sobald sie liebgewordene Erklärungsmuster und Gewohnheiten hinter sich zurück lassen um Neues auf sich wirken zu lassen.

 

Für mich wirkte das Buch nicht über seine Sprache, denn diese ist schnörkellos direkt und an manchen Stellen schon fast un-empathisch beobachtend, doch genau diese Sicht- und Erzählweise erlaubt es dem Leser und später auch den Protagonisten, die eigenen (irr-) Wege zu erahnen um sich auf Neues einzulassen. Natürlich war dies ein sehr grosser Unterschied zu dem letzten Buch welches ich gelesen habe (Das Spiel des Engels), denn hier übernimmt die Sprache einen grossen Teil der Dramaturgie. Von daher hätten mir Monsieur Armands und Paulines Einsichten wohl näher kommen können, wenn ich ihnen zu einer anderen Zeit begegnet wäre. Doch trotzdem hat mir dieses Buch gut gefallen. Einzig beim Schluss frage ich mich, ob es nicht noch, auf erzählerischer Ebene elegantere und auf inhaltlicher Ebene konstruktivere Wege gegeben hätte, wie die Protagonisten ihre Einsichten hätten umsetzen können. Und trotzdem ist es ein lesenswertes Buch.

Sonntag, 30. November 2008

Das Spiel des Engels – Carlos Ruiz Zafón

Ich kann mich noch gut an die heissen Sommernächte des Jahres 2003 erinnern, als ich völlig gefesselt in meinem Bett lag und bis spät in die Nacht ‚Der Schatten des Windes’ gelesen habe. Wie versunken bin ich damals Daniel Sempere gefolgt, der den Geheimnissen des Buches, welches im Friedhof der vergessenen Bücher auf ihn gewartet hatte, nachgegangen ist. Die plastische Detailtreue der Figuren und Handlungen, wie auch der fast schon poetische Schreibstil Zafóns erschufen eine mystische Welt, die mich völlig in ihren Bann zog und alles um mich herum vergessen liess.

 

Nun gibt es seit einigen Tagen die deutsche Übersetzung des neuen Romans von Zafón, welche ich mit Spannung und Neugier erwartet habe. Spannung, weil ich mir gewünscht habe, wieder in solch eine geheimnisvolle aber gleichzeitig gefühlvolle und zutiefst menschliche Welt zurückversetzt zu werden. Neugierig, weil ‚Der Schatten des Windes’ unglaublich breite Schatten wirft, in denen so manch guter Roman sang- und klanglos untergehen würde.

 

‚Das Spiel des Engels’ ist vom Stil her durchaus unterschiedlich zu ‚Der Schatten des Windes’. Grosse Teile des Romans sind weitaus mystischer und phantastischer und erinnern in ihrem Inhalt stellenweise stark an Faustisches Gedankengut. Doch um die Leser meines Blogs nicht weiter auf die Folter zu spannen, ich finde das neue Buch von Zafón einfach G E N I A L. Wie kaum ein anderes Buch zuvor, hat es mich wieder dieser Welt entrissen. Während der drei Tage, die ich dieses Buch gelesen und jede freie Minute damit verbracht habe, sind mir die Charaktere des Buches so ans Herz gewachsen, dass es richtiggehend schmerzt, sie auf den letzten Seiten ziehen zu lassen. Wohl auch weil jede der Charaktere zutiefst menschliche Erfahrungen in uns selbst verkörpert.  Die Tragik um den Verlust der grossen Liebe. Die Freude und Kraft einer tiefen Freundschaft, deren Fürsorge und Achtsamkeit an eine Liebe ohne Verlieben grenzt. Unsere Träume und Wünsche, die uns wie Leuchtfeuer durch unser Leben begleiten und denen wir oft beliebig nahe kommen und sie doch nie ganz erreichen. Unsere einstigen Idole, die über Zeit und Erfahrung hinweg ihren Glanz verlieren und denen wir uns dennoch verbunden fühlen um sie eines Tages vielleicht sogar wieder entdecken zu können (dann jedoch mit neuen Seiten an ihnen, die wir bisher nie richtig wahrgenommen haben). Die verschiedenen Facetten in uns selbst, die jede für sich berechtigt und eigenständig, einen ständigen Kampf austragen und uns damit unsere Menschlichkeit erschliessen. All das sind die Charaktere, die dieses Buch so lesenswert machen und die uns dort abholen, bei dem was wir sind, und uns mit auf ihre Reise nehmen.

 

Ein wirklich wunderbares Buch, das ich nur allen ans Herz legen kann. Besonders die Leser, die ‚der Schatten des Windes’ gelesen haben, werden auf den letzten Seiten erfahren, wie diese beiden Bücher zusammen gehören. Zwar ist deren Verwandtschaft schon von den ersten Seiten her offenkundig, doch die genaue Beziehung enthüllt sich erst in tragischer Weise auf den letzten Seiten und ist damit natürlich in sich schon sinnbildlich, denn aus eben dieser Tragik wird die Grundlage für ‚Der Schatten des Windes’ geboren.

Mittwoch, 19. November 2008

Die Unendliche Geschichte – Michael Ende

Inspiriert durch den Namen Fuchur, machte ich mich neulich auf den Weg in die Buchhandlung, um mir die unendliche Geschichte von Michael Ende zu kaufen. Ich hatte zwar schon viel über das Buch gehört, die Filmstudios in Babelsberg besucht und dort unter Anderem auch Fuchur gesehen und sein flauschiges Fell gestreichelt, doch gelesen habe ich das Buch nie. Mit wirklich grosser Vorfreude habe ich mich dann vorgestern Abend ins Bett gelegt und angefangen zu lesen.

 

Die ersten Kapitel vergingen wie im Fluge und schnell war ich zurückversetzt in meine eigene Kindheit. Nach einer Weile machte ich eine kurze Pause, drehte eine der Birnen meiner Deckenbeleuchtung heraus und zündete dafür meinen fünfarmigen Kerzenleuchter, wie auch die beiden Fackeln über dem Kopfende des Bettes an. Danach mischte ich Vanille, Kokos und Zimt zu einer neuen Mischung für meine Duftlampe und legte mich wieder ins bett zum Lesen.

 

Auf Seite 88 begegnete mir dann der Glücksdrache Fuchur zum ersten Mal, was mich etwas schmunzeln lies und mich an meine Schulzeit in Singapur erinnerte, denn die 8 ist im Chinesischen die absolute Glückszahl und damit die 88 um so mehr. Ich mag solche kleinen Zufälle. Erstaunt war ich auch, als Bastian ein paar Kapitel später einen Kerzenleuchter mit 7 Kerzen anzündete um in der Dämmerung weiter lesen zu können. Denn einerseits brannten zu diesem Zeitpunkt in meinem Zimmer ebenfalls sieben Kerzen und andererseits war dies in etwa der Zeitpunkt, an dem Bastian realisierte, dass er Teil der Geschichte selbst war. In etwa so, wie ich mich selbst beim Lesen der Geschichte verbunden fühlte.

 

Auch jetzt, nachdem ich die letzten Seiten umgeschlagen habe, klingen immer noch viele Dinge in mir nach und ich höre zum Beispiel noch gut die Reime der Uyulála in meinen Ohren widerhallen. Wie leise Worte, die in einem Gewölbe gesprochen werden, erinnert sie mich an das, was ich vor ein paar Tagen am offenen Grab meiner Oma gefühlt habe.

 

»Über Berg und Tal, über Feld und Flur
werd ich vergehen, verwehen -
Ach, alles ereignet sich einmal nur,
aber einmal muss alles geschehen ... «

 

Auf eine kurze Inhaltsangabe habe ich diesmal in meinem Blog absichtlich verzichtet, denn erstens ist, wie wir auf den letzten Seiten vom Buchhändler Karl Konrad Koreander erfahren, »Jede wirkliche Geschichte [ist] eine Unendliche Geschichte.« und andererseits kommt es bei solchen Geschichten mehr als deren Inhalt darauf an, wie sie geschrieben sind und was sie dadurch in uns auslösen.

 

Wie lassen sich tiefe Gefühle und Erfahrungen am besten vermitteln? Wenn wir sie analytisch beschreiben und möglichst deskriptiv festhalten wollen, so verlieren sie ihren Zauber und werden zu Plattitüden.

 

Wer hat nicht schon das Gefühl erlebt plötzlich, wie aus dem Nichts, ganz tief aus dem Bauch heraus endlich etwas verstanden und gefühlt  zu haben. Etwas, nach dem man schon lange suchte und es rein kognitiv vielleicht sogar schon wusste. Etwas, das sich jedoch bisher nie in einem selbst vom Wissen zum Verstehen und Fühlen durchringen konnte. Man schwelgt in seiner neuen Erkenntnis, kostet sie aus und sobald unser momentaner Durst an ihr gesättigt ist, kommt der Wunsch auf, sie dauerhaft zu erhalten. Einerseits, um selbst immer wieder darauf zurückgreifen zu können und andererseits um nahen Menschen etwas davon abgeben zu können. Wir schreiben die Gedanken auf, beschreiben sie im Detail, so dass sie stimmig und im Gleichklang mit unserem Gefühl sind. Doch wenn wir unsere Worte ein paar Tage später wieder lesen, so klingen sie oft nur noch wie Plattitüden. Wie Dinge, die wir eigentlich schon lange wussten. Der Übergang vom Wissen zum Fühlen ist wieder abhanden gekommen. Die Worte haben ihre Magie verloren (Ebenso ist es übrigens, wenn man Menschen einen Ratschlag auf  der Basis eigener Erfahrungen erteilt, ohne vorher sich in ihre Haut eingefühlt zu haben und sich selbst dabei gänzlich zur Seite gelegt zu haben).

 

Wie kann man aber solche Gefühle vermitteln? Ich finde, dies zeigt uns die Unendliche Geschichte wunderbar. Sie zeichnet eine Welt, welche wir Leser mit unseren eigenen Farben zu einem Gemälde vervollständigen. Schon sehr schnell entdecken wir viele Teile von uns selbst in der Geschichte, die wir lesen. Das was geschrieben wurde und das was uns selbst ausmacht vermischt sich zum Mörtel, der die Brücke zwischen dem Verstand und den Gefühlen baut. Die Unendliche Geschichte ist ein wunderbares Malbuch für unsere eigenen Gefühle, Träume und Sehnsüchte.

 

Auch wirklich berührt haben mich die Seiten, auf denen Bastian seinen letzten Wunsch entdeckte. Das hat sehr viele Gedanken und Gefühle in mir selbst ausgelöst.

 

»Doch damit beginnt eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.«

Montag, 10. November 2008

Die Leiden eines Amerikaners – Siri Hustvedt

Die Bedeutung der Bücher von Siri Hustvedt geht für mich zurück ins Jahr 2003. Ein Jahr in welchem sich mein Leben sehr stark verändert hat und diese Veränderung teilweise mit dem Lesen ihrer Bücher (‚Was ich liebte’, ‚Die unsichtbare Frau’, ‚Die Verzauberung der Lily Dahl’) zusammentrifft. Umso erfreuter war ich, als ich neulich beim Gang durch die Buchhandlung ein neues Buch von Siri Hustvedt entdeckt habe.

 

‚Die Leiden eines Amerikaners’ ist ein fiktionaler Familienroman (mit vielen realen Komponenten aus Siri Hustvedts Familie), in dessen Zentrum der Ich-Erzähler Erik Davidsen steht. Erik, der norwegische Vorfahren hat und dessen Familie als Auswanderer ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten gekommen ist,  arbeitet als Psychiater in Brooklin. Sein Vater ist vor kurzem verstorben und er selber lebt nach einer gescheiterten Ehe in einem Haus, welches eigentlich viel zu gross für ihn ist.

 

Bereits ganz am Anfang des Romans spaltet sich die Erzählung in mindestens zwei Stränge, welche ihrerseits hier und da auch gelegentliche Verästelungen haben. Zum einen erzählt uns Siri Hustvedt die Geschichte um Erik, Miranda sowie ihrer Tochter Eglatine, welche als neue Mieter in der Wohnung über Erik wohnen. Zum anderen werden wir auf eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit Eriks Familie mitgenommen, welche in ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart wirkt. Beide Stränge laufen über lange Zeit parallel und werden hauptsächlich durch die Reflektionen und psychologischen Betrachtungen von Eric zusammen gehalten. In der tat spielt auch die Psychologie eine sehr grosse Rolle in Hustvedts Roman. Für manch einen mag dies wohl zu prominent im Zentrum des Romans stehen, doch mir hat das beim Lesen gefallen, auch wenn einzelne Textpassagen vielleicht etwas zu anonym aus dem sie umgebenden Text geragt haben.

 

Allerdings hatte ich am Ende des Buches das Gefühl, dass es in der ersten Hälfte mehr verspricht, als es am Ende einhält. Gegen Ende scheint mir ein Erzählstrang einfach zu versiegen, ohne dass ich dessen Wechselwirkung mit dem Rest des Romans gespürt hätte, was einem Gefühl der Leere Raum gibt. Alles in allem hat es jedoch Spass gemacht das Buch zu lesen, obwohl ich für Leser, die Siri Husvedt noch nicht kennen auf jeden Fall zu erst das Buch ‚Was ich liebte’ ans Herz legen würde.

 

Abschliessen möchte ich mit einem Zitat, welches mir sehr gut gefallen hat und welches einem den Übergang vom Analytischen hin zum Existentialistischen in Form eines Ausrufes der 16 jährigen Sonia augenscheinlich macht.

 

«Ich war damals in schlechter Verfassung. Jetzt bin ich clean. Ich ... ich habe zu mir selbst gefunden.»

«Was immer das bedeutet», sagte Sonia unvermittelt. «Das kriege ich andauernd zu hören. Man könnte meinen, es lägen überall Ichs rum, und warteten nur darauf, aufgelesen zu werden.»

 

Ein Zitat, welches manchen Prozess der Selbstfindung ad acta legt um einen Prozess der Selbstwerdung anzustossen.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Zwischen den Laken – Ian McEwan

‚Zwischen den Laken’ ist eine Sammlung von sieben Kurzgeschichten aus der Feder Ian McEwans. Jetzt, da ich das Buch gerade fertig gelesen habe, bin ich mir etwas unschlüssig, was ich darüber denken soll. Einerseits ist der Erzählstil McEwans wie immer sehr plastisch und gut durchdacht. Andererseits fand ich viele der Geschichten in ihrer Stimmung überzeichnet und fast anbiedernd an das hippe Bild einer ‚lost generation’. Sicher übermitteln diese Geschichten (z.B. Psychopolis) das Gefühl der inneren Leere und einer bedrückenden Enge, doch sind sie für mich zu stereotypisch um richtig zu wirken.

 

In gewisser Weise ist ‚Zwischen den Laken’ der diametrale Pol zu McEwans anderer Kurzgeschichtensammlung ‚Der Tagträumer’. Leider aber eben auch in der Qualität der Kurzgeschichten. Während McEwan in ‚Der Tagträumer’ mit enorm viel Feingespür und Originalität die teils magische Welt der Kinder eindrücklich vermittelt, so gelingt es ihm in ‚Zwischen den Laken’ entweder nur stellenweise oder nur unter Zuhilfenahme breit gestreuter Stereotypen, eine ähnliche Gefühlsintensität auszulösen.

 

Wenn jemand schon fast alle Bücher von McEwan gelesen hat, so würde ich dieses Buch allein wegen des Erzählstils empfehlen. Sollte jemand jedoch McEwan gerade erst kennen lernen, so gibt es massiv bessere Bücher von ihm.

Montag, 6. Oktober 2008

Unschuldige – Ian McEwan

Die Geschichte spielt im Berlin der 50er Jahre, also noch vor dem Mauerbau, wo sich die wirtschaftlichen, ideologischen und systembedingten Spannungen nicht an einer Mauer entladen konnten sondern Berlin zu einem Schmelztiegel all dieser verschiedenen Strömungen mit ihren dazugehörigen Protagonisten werden liessen. Es ist dieses brodelnde und mit geheimdienstlicher Tätigkeit übersäte Umfeld, in welches sich der junge Engländer Leonard Marnham begibt nachdem er seine Ausbildung als Fernmeldetechniker abgeschlossen und sich der Armee verpflichtet hat.

 

Schon kurz nach seiner Ankunft in Berlin lernt Leonard eine deutsche Frau kennen und verliebt sich in sie. Parallel gewinnt Leonard in seiner Tätigkeit bei der Armee immer tiefere Einblicke in die geheimdienstliche Tätigkeit und avanciert in seiner Geheimhaltungsstufe schliesslich noch über der des Amerikaner Bob Glass, welcher ihn in das Geheimprojekt einweiht hat, für welches er vorgesehen war. Über ein Jahr hält Leonard diese beiden Welten streng getrennt, doch ab einem Punkt wendet sich das Blatt und diese beiden Welten steuern aufeinander zu und fesseln den jungen Leonard immer mehr in einer Position, in welcher es kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Es ist eindrücklich, wie McEwan diese Situationen beschreibt. Mit jeder Seite fühlt der Leser zunehmend die Ausweglosigkeit der Lage. Jeder Gedanke, den sich der Leser über das was zu tun wäre macht, damit Leonard dieser misslichen Lage entfliehen kann, wird vom Autor mit immer neuen Umständen durchkreuzt und vermittelt auf interessante Weise ein realistisches Bild von Leonards beklemmender Situation

 

Mich hat das Buch regelrecht gefesselt und so war es auch an einem Tag durchgelesen. Es ist eine packende Kriminalgeschichte, basierend auf einer wahren Spionageaffäre, der man sogar die stellenweise detailgetreuen und blutigen Beschreibungen, die einer Obduktion würdig wären verzeiht. Das Buch bleibt bis zum Ende spannend und man sollte sich hüten so lapidar durch die letzten Seiten zu blättern, wie ich das getan habe. Denn dabei sind mir lediglich zwei Wörter ins Auge gefallen, die den überraschenden Schluss etwas vorhersehbarer gemacht haben ;-). 

Samstag, 27. September 2008

Schwarze Hunde – Ian McEwan

In seinem Roman ‚Schwarze Hunde’ begibt sich der Waise Jeremy auf den Weg die Geschichte seiner Schwiegereltern zu erkunden. Selbst von seiner eigenen Vergangenheit abgeschnitten, fängt Jeremy früh an sich für die Geschichte der Familie seiner Frau zu interessieren. Stück für Stück bekommt der Leser Einblicke in das Leben von June und Bernard, den beiden Schwiegereltern, die als junge Leute in den frühen Jahren des Krieges für die englische Regierung arbeiteten um die französische Résistance zu unterstützen. Damals verband sie das gleiche kommunistische Weltbild, wenngleich auch aus zwei diametralen Standpunkten. Während Bernard ein fast schon sturer Verfechter der strengen Wissenschaft und Ratio ist, entdeckt June durch die Konfrontation mit dem Bösen in Gestalt zweier schwarzer Hunde ihre spirituelle Seite. Es ist ab diesem Punkt, ab dem sich die Wege der Beiden zu trennen beginnen und jeder auf eigenem Wege den Sinn des Lebens erkundet.

 

Die Aufarbeitung Jeremys gleicht somit einer literarischen Aufarbeitung des uralten philosophischen Dauerbrenners von Geist vs. Ratio, also der Art und Weise, wie die Welt am ehesten erfassbar ist. Nimmt man diese Frage als den Grundtenor dieses Romans und transponiert die Geschehnisse auf literarischer Ebene zurück auf die Ausgangsfrage, so könnte die Antwort in etwa so lauten: Geist und Ratio werden sich nie auf dialektische Art vereinigen. Sie werden auf alle Zeiten diametral bleiben. Und doch brauchen sie einander um selbst zu bestehen.

 

Das Buch ist, eigentlich wie alle Bücher von McEwan, sehr gut geschrieben und bringt einem die Charaktere wirklich wunderbar nahe. Und doch hatte ich diesmal etwas Mühe damit. Mir ist noch nicht klar warum, doch dieses Buch hat mich nicht so richtig in seinen Bann gezogen. Dennoch ein gutes und lesenswertes Buch.

Freitag, 26. September 2008

Amsterdam – Ian McEwan

Es ist auf Mollys Beerdigung, auf welcher Vernon und Clive auf all die Männer treffen, die in Mollys Leben eine Rolle gespielt haben. Vom reichen Kapitalisten George bis zum amtierenden Aussenminister Garmody. Vernon und Clive sind bereits seit ihrer Jugendzeit beste Freunde und so erfährt der Leser im Laufe der Geschichte einiges über ihre gemeinsame Zeit, sowie über ihre Beziehung zu Molly, denn obwohl sie bereits tot ist, bringt sie ein paar der im Buch vorgestellten Charaktere zusammen und sorgt damit für einen handfesten Skandal, der sich durch die Republik ziehen wird.

 

Im Nachhinein betrachtet würde ich dieses Buch von McEwan am ehesten als Gesellschaftssatire bezeichnen. Er beschreibt die „upper middle class“ mit all ihren abstrusen Eigenheiten und Widersprüchen. Vernon, der erfolgreiche Chefredakteur einer grossen Tageszeitung und Clive, der über die Grenzen hinaus bekannte Komponist, der vermutlich seinen Zenit überschritten hat, führen den Leser durch diese karikierte Welt.

 

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, denn McEwan benützt sein unbestreitbares psychologisches und literarisches Geschick um die Figuren des Romans interessant und lebensecht darzustellen. Die Figuren erscheinen uns wie Menschen aus unserer realen Welt, was die Satire nur noch schlagkräftiger macht. In der Tat habe ich mich mehrere Male gefragt, ob der Name des Aussenministers bewusst auf ein ‚y’ endet. Zwar war der, an den ich dabei dachte damals Innenminister, doch kommt man nicht umhin, sich mancher Passagen des Buches mit grossem Schmunzeln zu erfreuen, wenn man diesen Gedanken zugrunde legt.

 

Einzig der Schluss gibt mir etwas Rätsel auf. So durchdacht und präzise das Buch geschrieben ist, so erstaunlicher ist der doch etwas künstlich und konstruiert wirkende Schluss des Buches. Man könnte dies als den Gipfel der Satire sehen, doch bin ich mir ob der Intention des Autors hier nicht wirklich sicher. Dennoch ein tolles Buch, das ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann. 

Mittwoch, 24. September 2008

Ein Kind zur Zeit – Ian McEwan

Stephen gehört zu de Gruppe von Menschen, die in den gehobeneren Gegenden der Stadt ihre Häuser haben und im Supermarkt stets an der Sondertheke einkaufen. Bei einem solchen Supermarktbesuch stehen Steven und seine dreijährige Tochter Kate an der Kasse. Stephen wendet sich für einen Moment der Kassiererin zu um eine Tragetasche in Empfang zu nehmen und ahnt noch nicht, dass er Kate gerade eben zum letzten Mal gesehen haben wird.

 

Die Kindesentführung, welche schon auf den ersten Seiten des Romans stattfindet ist an Spannung kaum zu überbieten. Schnell wird man von diesem Buch in den Bann gezogen und brennt darauf mehr zu erfahren. Zwar verliert die Handlung auf den folgenden Seiten einiges an Spannung, doch wird sie zunehmend von den tiefen Einblicken in das Leben und die Psyche von Stephen und seiner Frau Julie ersetzt.

 

„Plötzlich hatte jeder sein eigenes Leid, isoliert und nicht mehr mittelbar. Sie gingen getrennte Wege, er mit seinen Listen und der täglichen Lauferei, sie in ihrem Sessel, tief versunken in ihre private Trauer. [...] Die alte Vertrautheit, die selbstverständliche Annahme beider, dab sie auf derselben Seite stünden, war tot. [...] Der Verlust hatte sie in die Extreme ihrer Persönlichkeiten getrieben.“

 

Und genau dies ist auch das Genre McEwans. Er stösst alltägliche Menschen in Ausnahmesituationen und destilliert über die Dauer des Romans die Essenz des Menschlichen heraus. Oft genug sind dies erschreckende, manchmal sogar verstörende Einblicke. Doch nach all den Büchern, die ich bisher von ihm gelesen habe (Der Trost von Fremden, Der Tagträumer, Der Zementgarten, Erste Liebe, Letzte Riten, Abbitte, Saturday) denke ich nicht, dass es ein fatalistisches Weltbild ist, das dieser Destillation zugrunde liegt. Vielmehr ist es die fast schon wissenschaftliche Neugier, eine menschliche Landschaft zu malen, in der manch kleiner aufragender Hügel erst durch die ihn umgebenden Schluchten seine wahre Bedeutung bekommt. 

Sonntag, 21. September 2008

Wracktauchen bei Genua

Als wir auf der letzten alljährlichen Höhlentauchparty zusammen am Tisch sassen und uns übers Tauchen unterhielten, kam die Idee auf, zur Milford Haven zu fahren und dort ein paar Tage zu verbringen. Da ich jedoch im gleichen Zeitraum Ferien in Apulien geplant hatte war ich nicht sicher, ob es zeitlich passen würde. Glücklicherweise konnten wir es jedoch so einrichten, dass wir uns in Arenzano bei Genua trafen und ich danach gleich weiter nach Apulien fahren konnte.

 

Nach einem sehr hektischen Donnerstag und Freitag Vormittag, welcher mit Erledigungen, Behördenkram, Packen und allerlei anderen zeitraubenden Dingen, die vor den Ferien anfallen gefüllt war, machte ich mich am Freitag Nachmittag auf den Weg nach Italien. Eigentlich hatte ich ja vor früher zu fahren um den typischen Abendverkehr in Mailand zu umgehen. Da aber meine Trimix Füllungen am Morgen noch nicht fertig waren, hat sich das erübrigt und so stand ich eben eine ganze Stunde bei Mailand im Stau und erreichte Arenzano erst am Abend. Meine beiden Kollegen waren bereits früher weg gekommen und hatten somit den Vorteil ihr Equipment schon am Abend vorher auf der Basis zu verstauen und zusammenzubauen.

 

Am nächsten Tag ging es dann schon früh los, denn unser Tauchboot war auf 09:00 geplant. Da die Tauchbasis erst gegen 08:00 ihre Türen öffnete, gab das lediglich eine Stunde für mich um alles zusammen zu bauen, die Gase zu checken und mich bereit zu machen. Es half auch nicht unbedingt, dass die Trimix Mischung um ca. 8% He von der in Auftrag gegebenen Mischung abwich. Aber nach kurzem Umplanen und etwas Hektik passte dann alles und wir waren bereit um uns das riesige Wrack anzuschauen.

 

Die Dimensionen und Ausmasse des Wracks unter Wasser sind einfach atemberaubend. Speziell beim ersten Tauchgang hatte ich wirklich Probleme, mir vorzustellen, wo wir gerade am Wrack waren, denn alleine das Explosionsloch an der Seite des Schiffes unterhalb der Brücke ist so gross wie die kompletten Querschnitte manch anderer Wracks, die ich betaucht habe. Zudem hatten wir wirklich gutes Wetter erwischt. Die See war relativ ruhig und klar, so dass man grosse Teile des Wracks im Blick hatte. Wir unternahmen zwei Tauchgänge pro Tag mit jeweils nur 3h Oberflächenpause. Das war zwar ziemlich anstrengend, doch so hatten wir jeweils ab dem späten Nachmittag frei um uns etwas auszuruhen und gemütlich Abend zu essen.

 

Alles in Allem ein wirklich schönes und erlebnisreiches Wochenende und ich bin mir relativ sicher, dass es mich nächstes Jahr wieder mal für ein verlängertes Wochenende dorthin ziehen wird ;-).

Mittwoch, 10. September 2008

Wir fliegen – Peter Stamm

‚Wir Fliegen’ ist der Name einer Kurzgeschichte, sowie der des neusten Buches von Peter Stamm, in welchem sich noch weitere 11 Kurzgeschichten befinden. Seit ende 2006 hatte ich nichts mehr von Peter Stamm gelesen und war somit gespannt was mich erwarten würde.


Bereits bei der dritten Geschichte kam mir der Vergleich mit dem Skizzenbuch eines Malers in den Sinn, welcher durch die folgenden Geschichten unterstrichen wurde. Die Geschichten sind kurze Einblicke in das Leben verschiedener Menschen. Fast schon lakonisch werden diese Einblicke geschildert und, wie bei Stamm üblich, entbehren sie jeglicher literarischer Effekthascherei. So spannt Stamm zwar in fast jeder Geschichte einen kontextuellen Bogen, doch dient dieser nicht um an ihm entlang zu erzählen. Vielmehr konzentriert sich Stamm auf die kleinen Momente zwischen den grossen Ereignissen und lässt diese damit losgelöst als Lebensstudie in Kontrast zum Ganzen treten.

 

‚Wir Fliegen’ ist ein literarisches Skizzenbuch, aus welchem fast jede Skizze das Anrecht auf ein Gemälde hätte. 

Mittwoch, 27. August 2008

Im Durcheinanderland der Liebe – François Lelord

Als ich vor etwas mehr als einem Monat wieder einmal durch eine Buchhandlung gestreift bin, war ich erfreut ein neues Buch von Lelord zu entdecken, denn bisher habe ich alle Bücher von ihm gelesen und immer wieder haben sie mir gefallen.

Bei ‚Im Durcheinanderland der Liebe’ handelt es sich jedoch nicht um ein neues Buch von Lelord. Vielmehr erschien dieses Buch bereits in 2003 nach seinem grossen Erfolg mit ‚Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück’ in französischer Originalsprache. Übersetzt ins Deutsche wurde es jedoch erst jetzt in 2008.

Bisher konnte man Lelords Bücher in zwei Kategorien einteilen. Die populärwissenschaftlichen (‚Der ganz normale Wahnsinn: Vom Umgang mit schwierigen Menschen’, ‚Die Macht der Emotionen: und wie sie unseren Alltag bestimmen’ und ‚Die Kunst der Selbstachtung’) sowie die naiv, im Stile des kleinen Prinzen geschriebenen (‚Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück’, ‚Hector und die Geheimnisse der Liebe’, sowie ‚Hector und die Entdeckung der Zeit’). Während sich ‚Im Durcheinanderland der Liebe’ wohl eher an letzterer Kategorie orientiert, scheint der Schreibstil doch etwas erwachsener als bei den drei Hector Büchern.

In diesem Buch beschreibt Lelord die westliche Welt am Beispiel Frankreichs aus der traditionellen Sicht eines Inuk (Singular von Inuit) und erschafft aus dieser kulturellen Spannung heraus ein teils sehr groteskes Bild unserer Umwelt. Das Buch ist sehr flüssig und leicht zu lesen und mir persönlich hat es wirklich Spass gemacht. Umso erstaunter war ich, als ich darauf die grosse Bandbreite an Rezessionen bei Amazon gelesen habe. Diese reicht von ‚Genial’ bis zu ‚Machohaft’, ja sogar ‚Rechtsradikal’ und ist in dieser Vehemenz für mich unverständlich.

Genau wie unser Auge Unterschiede und Kontraste besser wahrnehmen kann als Absolutwerte, so gelingt es Kontasten auch eher unseren Verstand anzuregen. Wenn man also unsere heutige westliche Welt durch eine sehr kontrastreiche Brille einer alten Kultur sieht, so geht es weniger um die normative Kraft einer solchen Brille als die sich hervorhebenden Phänomene unserer Gesellschaft, die augenfällig werden.

Alle, denen die Hector-Bücher gefallen haben, werden sicher auch ihre Freude an ‚Im Durcheinanderland der Liebe’ haben. Ich fand das Buch sehr kurzweilig und manche Stellen haben mich auch etwas nachdenklich gestimmt. Abschliessen möchte ich aber mit einem Zitat, welches mir besonders gut gefallen hat:

[Marie-Alix]: „Ich bin jetzt glücklich, auch wenn die Erinnerungen bleiben. Aber man kann nicht alle Arten von Glück zur selben Zeit verspüren.“ Ulik antwortete: „Man kann sie nicht alle zur selben Zeit verspüren, aber in der Erinnerung werden sie niemals verblassen.“

Dienstag, 26. August 2008

Saturday - Ian McEwan

Heute habe ich wieder einmal ein Buch von Ian McEwan gelesen. Wenn ich mich recht erinnere, war das letzte Buch, welches ich von ihm gelesen habe ‚Abbitte’ und gleich vorweg, ‚Saturday’ kommt in meinen Augen nicht an ‚Abbitte’ heran. Und trotzdem war es ein gutes und interessantes Buch welches ich für Leser, die McEwan kennen weiterempfehlen kann.

Nun aber zum Buch. Überzeugend malt McEwan die Welt des anerkannten Neurochirurgen Henry Perowne. Mit 48 ist Henry auf der Spitze seines Erfolges und geniesst die Anerkennung und seinen Erfolg. Auch sein privates Umfeld lässt nichts zu wünschen übrig. Mit seiner Frau Rosalind führt er eine glückliche und erfüllte Ehe und ihre beiden Kinder Daisy und Theo scheinen auch ihren Platz in der Welt gefunden zu haben. Während Daisy gerade in Paris lebt und auf bestem Wege ist, eine bekannte Dichterin zu werden lebt Theo noch bei seinen Eltern und macht sich als Blues-Gitarrist einen Namen.

Wie so oft in den Büchern von McEwan versteht dieser es, eine heile und sichere Welt authentisch und glaubhaft darzustellen um diese sodann zum Einsturz zu bringen oder zumindest existenziell an ihren Grundmauern zu rütteln. Und auch in ‚Saturday’ schafft McEwan es, das Unheil langsam am Horizont aufsteigen zu lassen, so dass selbst eine heile Welt ihre Schatten wirft, denn es sind die Schatten des Menschseins und der damit verbundenen Sinnsuche und Daseinsberechtigung.

"Und welch ein Luxus ist es doch, daheim in der Küche über geopolitische Schachzüge und militärische Strategien zu philosophieren, ohne dafür von Wählern, der Presse, Fremden oder gar der Geschichte verantwortlich gemacht zu werden. Wenn keine Konsequenzen drohen, ist es nur ein interessanter Zeitvertreib, wenn man sich irrt."

Auf der einen Seite der sehr menschliche Wunsch sich selbst und seinen Liebsten eine Umgebung zu erschaffen, in welcher alle Beteiligten sich wohl fühlen und aufs beste gedeihen können und oft diametral entgegengesetzt das Unglück von so vielen Menschen auf dieser Welt schafft eine explosive Mischung Beim Zusammentreffen dieser beiden Welten, so dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens unweigerlich selbst in den Mittelpunkt rückt. Es liegt nun an uns dieser Frage gerecht zu werden und sie nicht einfach mit unseren Ängsten und Befürchtungen abzuspeisen, sondern basierend auf unseren innersten Werten eine individuelle Antwort zu finden.

Ich vermute Henry Perowne hat dieser Frage ins Auge geschaut und am Ende des Buches zumindest den Hauch einer Antwort für sich gefunden. Beenden möchte ich diesen Blogeintrag aber mit einem Zitat aus dem Buch, welches mir sehr gut gefallen hat, wobei ich es nicht auf Geisteswissenschaftler begrenzen möchte, sondern seine Anhänger quer durch die Bevölkerung hinweg suchen würde:

„Doch für die Professoren an der Uni, wie allgemein für die Geisteswissenschaftler, eignet sich das Elend besser zur Analyse: Das Glück ist eine Nuss, die schwer zu knacken ist.“

Freitag, 8. August 2008

Tau von den Bermudas – Peter Sloterdijk

Eigentlich ist dies das zweite Buch von Sloterdijk, welches ich in letzter Zeit gelesen habe. In einer Philosophiesendung habe ich neulich ein Interview mit Sloterdijk gesehen, in welchem er über sein Buch „Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen“ sprach. Dieses Buch habe ich daraufhin gelesen, bin aber einfach noch nicht zum Blogeintrag dazu gekommen, da ich das Buch als relativ komplex und anfordernd empfunden habe und die Zusammenfassung somit einfach mehr Zeit in Anspruch nimmt.

In der Einleitung zu „Tau von den Bermudas“ greift Slolterdijk den von Carl Schmitt geprägten Begriff des „Zeitalters der Neutralisierung“ auf, indem er sich fragt, wie das Zeitalter, in welchem wir leben, wohl aus einer historischen Perspektive genannt werden würde. Doch während der Trend zur Entpolarisierung, Zweideutigkeit oder Anerkennung der Komplexität und damit verbundenen teilweisen Absenz von allgemeingültigen Handlungsvorschriften von Carl Schmitt als „Untergang des Abendlandes“ gedeutet wurde, sieht Sloterdijk darin eher emotionslos den Wechsel hin zu neuen Paradigmen, welche die heutige Welt regieren. Im letzten Kapitel des Buches leitet Sloterdijk dies auch überzeugend auf die den derzeitigen Zeitgeist über, welcher immer stärker von Information als knappem Gut hin zur Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit als knappes gut steuert (wer soll denn all diese kuriosen Blogeinträge noch lesen ;-) ).

„Sie wissen es längst, meine Damen und Herren, ich spreche vor allem von Carl Schmitt, dem letzten Samurai der Entschiedenheit für das Eine von Zweien. [...] Für Liebhaber klarer Verhältnisse ist diese Welt längst unrettbar krank, wie von einem Pilz befallen, der Konturen tilgt. Selbst die erhabensten Begriffsgegensätze von früher sind amorph geworden [...] Die Orientierung am Feind verfällt, wir bleiben in der Mehrdeutigkeit allein zurück, ratlos.“

Parallel weißt Sloterdijk jedoch auch darauf hin, dass für diese neue Strömung in unserer Denkensweise und unserem Sprachgebrauch nur unzureichende Grammatiken vorhanden sind um adäquate Beschreibungen zu finden.

„Wie leben in einer logischen Dämmerung, irgendwo zwischen spätaristotelisch und frühkomplex, aber das neue Denken hat bislang weder Autorität noch Kontur, weswegen wir bei allen unseren theoretischen Unternehmungen zum Unbehagen verurteilt sind, weil offenliegt, wie sehr wir mit jedem Gedanken in antithetische Primitivismen verstrickt bleiben.“

In den folgenden Kapiteln beschreibt Sloterdijk die Ontogenese von fünf Stadien der Weltgeschichte in Hinblick auf das Zusammenwirken von Phantasie und gewachsener Realität. Es sind dies:

1. Das Weltalter des Mythos
2. Die Ära der christlichen Einbildungskraft
3. Der phantasmatische Motor der Neuzeit
4. Die komplementäre Poetik der Reduktion und Verarmung
5. Der Übergang der neuzeitlichen Expansionskultur in die posthistorische Kombinationskultur

Anhand historischer Dokumente, welche den Zeitgeist der betreffenden Epoche widerspiegeln, deutet Sloterdijk an, was der Menschheit alles möglich umzusetzen war dank Kraft der Phantasie als Batterie des Fortschrittmotors. In bestechender Sprache und wirklich geistreich beschreibenden Analogien regt dieses Buch mehr an sich selbst Gedanken über die Thematik des Komplexen zu machen als einfach nur erfahren zu wollen, was der Autor darüber denkt. Natürlich war es auch interessant, wie Sloterdijk die Phänomene sieht, doch wie oft habe ich das Buch nach nur ein paar Sätzen zur Seite gelegt und bin meinen Gedanken gefolgt, die durch dieses Buch auf den Weg geschickt wurden. Selten kommt es vor, dass ich ein Buch nachdem ich es gelesen habe gleich noch mal gelesen habe, doch dieses Buch war es auf alle Fälle wert mehrmals zu lesen.

Sonntag, 27. Juli 2008

Tango - Ralf Sartori und Petra Steidl

In letzter Zeit habe ich mich vermehrt mit dem Tango beschäftigt. Dies zwar nur auf ‚theoretische’ Art, aber ab nächstem Monat ist wieder ein Tangokurs angesagt. Seit April diesen Jahres, als ich meinen ersten Tangokurs belegt hatte, fasziniert mich dieser Tanz und ich war immer wieder erstaunt als Bekannte, mit denen ich mich über Tango unterhalten habe, diesen Tanz als künstlich oder überstilisiert bezeichneten, denn das trifft in keinster Weise das, was ich dabei empfinde.

Das Buch ‚Tango, die einende Kraft des tanzenden Eros’ von Ralf Sartori und Petra Steidl ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil ‚Der Tanz des Lebens’ wird der Tango aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Es geht hierbei jedoch nicht um die Technik des Tangotanzens, sondern dessen Entstehung, seiner Renaissance durch den re-import aus dem Paris der 30er Jahre nach Buenos Aires, seine Einbettung in die heutige Zeit und all die verbundenen philosophischen Aspekte, welche sich dadurch erschliessen.

Viele Themen kreisen um den männlichen und weiblichen Aspekt des Tangos, das damit verbundene Menschenbild, sowie die Effekte der Emanzipation der vergangenen Jahrzehnte auf die Seele des Tangos.

„Der Tango thematisiert uns selbst auf der Beziehungsebene, im Wesen, Persönlichkeit und Beziehungsverhalten. Er ist sowohl Spiegel wie auch Symbol in Bewegung. Im symbiotischen Verschmelzen drücken sich Regression und Identitätsverlust aus. Das Ideal im Tango weist jedoch in eine andere Richtung, nämlich die Identität im Du zu finden, welche einen Gegenpol zu diesem Du formt. Dies ist bekanntermaßen auch die wirksamste Methode, die Anziehung aufrechtzuerhalten.“

Ein ebenfalls ausgiebig besprochenes Thema ist die strikte Aufteilung zwischen führen und führen lassen, die im Tango sehr ausgeprägt ist und oftmals aus mangelnder Kenntnis heraus als Reminiszenz eines vergangenen, nicht-emanzipierten Zeitalters empfunden wird. Deutlich zeigt dieses Buch auf, dass das Führen des Mannes mehr mit dem Gespür für die Partnerin als mit partriarchalischen Strukturen zu tun hat.

Alles in Allem werden im ersten Teil sehr viele Parallelen zwischen dem Tanz und dessen Philosophie und unserem alltäglichen Leben gezogen. Hierbei sind mir viele Punkte in bleibender Erinnerung geblieben und ich verstehe nun etwas besser, warum mich der Tango so angesprochen hat.

Im zweiten Teil des Buches, welcher aus der Feder von Petra Steidl stammt, verliert der Tango aus meiner Sicht den zentralen Standpunkt und es geht in vermehrt transzendenter Weise um das Thema Eros und seinen Variationen. Natürlich ist auch hier der Bezug zum Tango deutlich. Doch so feingliedrig, wie das Thema Eros aufgenommen wird, hätte ich mir mehr Bezugspunkte und Verbindungen auf tiefer liegenden Ebenen zum eigentlichen Titel und Thema dieses Buches gewünscht.

„Wie kann man schenken, wenn man sich selbst auslöscht, wie nehmen, wenn man als Empfänger nicht mehr zugegen ist? Hingabe setzt die Bereitschaft voraus, die Mauern des eigenen Eros zu durchbrechen, um überhaupt in fremdes Leben hinüberlauschen, -fühlen, -lieben zu können. Hingabe meint, von den Mechanismen, den Trieben, den Wunschvorstellungen und Forderungen, den zwanghaft selbst erbauten Welt-, Denk- und Gefühlsmustern loszulassen, um sich auf die Liebe einlassen zu können, die in ihrer Fülle, ihren Möglichkeiten voller Unvorhersehbarkeiten ist und zahlreiche Überraschungen bereithält.“

Im dritten und kürzesten Teil des Buches findet man auf 22 Seiten einen kurzen Abriss über die Geschichte der Technik des Tangos. Dieser technischere Teil fällt für mich irgendwie aus dem Rahmen des Buches heraus und ist wohl eher als Einleitung (und Motivation) für ein anderes Buch, welches einer der Autoren veröffentlicht hat, zu verstehen.

Alles in Allem hat mir dieses Buch sehr gut gefallen und neben konkreten Dingen über den Tango habe ich auch wieder mal sehr viel über mich selbst erfahren. Schliessen möchte ich diesen Blogeintrag mit einem weiteren schönen Zitat aus dem Buch.

„Ist nicht die Leidenschaft Tochter der Sehnsucht, Kind eines kranken Herzens, das sich nach Berührung und Nähe verzehrt? Im Tango drückt sich der höhere Eros, wie auch der niedere aus. Letztlich orientiert sich die Sehnsucht im Tanz am Geist des Tänzers [...] Da sind wir also wieder bei der Leidenschaft. Tango drückt sie aus und stachelt sie an. Er ist das Gefäß für unsere Leidenschaft und schafft Raum, sie behutsam im Dialog miteinander als freies Ritual zu leben. Doch vergessen wir nicht, dass diese Art von Leidenschaft noch nicht der Gipfel des hohen Eros ist. Denn dieser Gipfel speist sich niemals aus Mangel, sondern aus der Fülle.“

Montag, 21. Juli 2008

Klassenlager

Es sind nun ca. 1 ½ Monate seit meinem letzten Blogeintrag vergangen. Eigentlich habe ich die letzten Jahre kaum nachträge gepostet, da ich relativ regelmässig geschrieben habe und es immer wieder Neues zu schreiben gab. Einen Nachtrag aus den letzten 1 ½ Monaten möchte ich jedoch dennoch gerne schreiben, da es ein besonderes Erlebnis für mich war.

In der letzten Juniwoche begleitete ich eine Freundin, die Lehrerin ist, als Aufsichtsperson eine Woche lang in ein Klassenlager am Bodensee. Das hat natürlich Erinnerungen aus meiner eigenen Schulzeit wachgerufen und so war es ein teilweise auch etwas komisches Gefühl als Betreuer und nicht als Schüler auf einem Klassenlager zu sein.

Als J. mir zum ersten Mal den Vorschlag machte, dass ich eine Woche als Betreuer mit auf ein Klassenlager gehen könnte, war dies ein zugegebenermassen etwas komischer Gedanke. Ich wusste auch nicht, ob es mir Spass machen würde, denn ich mag Kids zwar wirklich sehr, aber würde mir das Tohuwabohu (und diesmal auf der Seite des Betreuers) nicht zuviel werden?

Mit diesen Gedanken fuhr ich am Montagvormittag nach Kreuzlingen und traf dort am Pfadiheim zum ersten Mal auf die Klasse. Am Anfang hatte ich zwar meine liebe Mühe mit den Namen und den Gesichtern, doch das legte sich schnell obwohl ‚Namen & Gesichter’ nicht so zu meiner Stärke gehören. Da es an diesem Montag extrem heiss war und keinerlei Wolken am Himmel die Sonne in Zaum hielten, beschlossen wir am Nachmittag mit den Fahrrädern in die Badi zu fahren und das Klassenlager entspannt anzugehen.
Während der nächsten Tage machten wir Ausflüge zum Pfahlbaumuseum, dem Affenberg in Salem, der Meersburg, dem Sea Life Center und dem Zeppelinmuseum. Weiterhin haben wir an einem Abend das EM-Spiel zwischen Spanien und Russland in der UBS Arena in Kreuzlingen geschaut und einen anderen Abend zum Spieleabend auserkoren.

...und schwupps war es schon Freitag und die Woche war vorbei. Die Zeit im Klassenlager war wirklich extrem gut und es hat mir total viel Spass gemacht mit den Schülern immer wieder etwas zu unternehmen und mit ihnen den Tag zu verbringen. Die Kollegschaft mit den anderen beiden Betreuern war super und auch die Schüler haben mich immer wieder erstaunt ob ihrer starken sozialen Kompetenz. Natürlich gab es Streitigkeiten oder Unstimmigkeiten doch diese wurden stets in der ganzen Klasse abgefangen und schnell wieder geschlichtet oder beseitigt. Ich war sehr erstaunt und beeindruckt von der ganzen Klasse und habe mich jede Minute total wohl mit ihnen gefühlt. So wohl, dass ich manchmal innerlich 25 Jahre zurückblickte und mich fragen musste, was ich damals anders gemacht habe, denn an meine eigene Schulzeit habe ich bei Weitem keine so schönen Erinnerungen.

Es war eine wirklich tolle Woche in der ich einiges über mich selbst gelernt habe und währenddessen sehr viel Spass und Freude hatte. Eine wirklich tolle Erfahrung, die mein Leben sehr bereichert hat!

Dienstag, 3. Juni 2008

Logotherapie und Existenzanalyse – Viktor Frankl

Heute habe ich fast den ganzen Tag damit verbracht vier Vorlesungen von Viktor Frankl über Logotherapie und Existenzanalyse anzuhören, mir die wichtigsten Erkenntnisse herauszuziehen und meine eigenen Gedanken dazu zu machen. Somit blieb nur wenig Zeit für die restlichen Dinge des Lebens aber immerhin habe ich meine komplette Wäsche gemacht sowie die Wohnung aufgeräumt. Eigentlich eine sehr gute Mischung an Tätigkeiten um glücklich zu sein ;-)

Die Vorlesungen stammen aus der Universität in Wien, wo Frankl sie 1972 gehalten hat. Sie sind also schon etwas älteren Datums und doch fand ich sie an vielen Stellen erstaunlich passend zum Zeitgeist unserer Jahre. Kurz umrissen sieht Frankl die Logotherapie und die Existenzanalyse als zwei Aspekte eines gemeinschaftlichen Systems. Während die Existenzanalyse die anthropologische Grundlage sowie das dazugehörige Menschenbild für die Logotherapie bildet, ist die Logotherapie selbst als die klinische Anwendung der Existenzanalyse zu verstehen. Aufbauend auf den drei anthropologischen Grundannahmen der Existenzanalyse

1) Freiheit des Willens
2) Wille zum Sinn
3) Sinn des Lebens

beschreibt Frankl die Kerngedanken der Existenzanalyse und kontrastiert deren klinische Anwendung in Form der Logotherapie zu anderen etablierten Therapieformen.

So sieht Frankl zum Beispiel im Kontrast zu den Verhaltenstherapeutischen und Analytischen Ansätzen in dem Postulat der Freiheit des Willens, die Möglichkeit eines Individuums sich von sich selbst zu distanzieren oder sich sogar selbst zu transzendieren. Dies steht in klarem Widerspruch zu den oben genannten klassischen Sichtweisen der Psychotherapie, denn diese postulieren diverse deterministische Triebkräfte, denen der Mensch ausgeliefert ist und durch sie determiniert ist (i.e. Freudsches Lustprinzip).

Der Wille zum Sinn hingegen steht für Frankl in klarem Widerspruch zum alt hergebrachten Homöostaseprinzip, nach dem der Mensch versucht seine inneren Bedürfnisse und Triebe zu befriedigen um ein inneres Gleichgewicht herzustellen. Ganz im Gegensatz hierzu geht es bei Frankl um die Überwindung der Homöostase als Mittel zur Ergründung des Sinn im Leben.

Weiterhin zieht Frankl gegen den modernen Reduktionismus ins Feld. Einem Reduktionismus, der das Mensch-Sein auf Basis der Primaten erklärt, der Liebe auf Sexualität reduziert oder das Gewissen auf eine unzugängliche Instanz genannt das Über-Ich verkümmern lässt. Die Rückführung auf sub-humane Identitäten, die wir mit unseren tierischen Vorfahren teilen, bewirkt nämlich genau die Leugnung des Sinnes, denn es gilt als allgemein anerkannt, dass Tiere weder ein Verständnis für Sinn haben, noch nach ihm streben. Folglich sind eben jene sub-humane Identitäten ungeeignet das Mensch-Sein zu ergründen. Ein dennoch striktes Beharren auf den Reduktionistischen Grundideen führt nach Frankl automatisch zur Leugnung des Sinns des Lebens und ist ein heute weit verbreitetes Symptom verschiedenster Gesellschaften verteilt über die ganze Welt.

Wenn wir Freiheit des Willens postulieren und den Willen zum Sinn annehmen, so wäre es nahezu sadistisch den Sinn des Lebens selbst in Frage zu stellen. Auf der Suche nach diesem Sinn postuliert Frankl drei grundsätzliche Arten der Sinnfindung:

1) Schöpferische Werte
2) Erlebniswerte
3) Einstellungswerte

Während es sinngebend sein kann schöpferisch tätig zu sein und Werte zu erschaffen, so ist es nach Frankl ebenso sinngebend, diese werke zu erleben und zu erfahren. So kann zum Beispiel das Betrachten eines schönen Kunstwerkes, die Suche nach der allumfassenden Weltformel in der Wissenschaft, sowie der Glaube an das Gute im Menschen sinnstiftend sein. Der dritte und letzte Punkt der Sinngebenden Werte taucht an vielen Stellen der vier Vorlesungen wieder auf und ist mit grosser Sicherheit in Frankls eigener Biographie begründet. Als Überlebender des Holocaust postuliert Frankl Sinn in der Art und Weise wie wir mit Schicksalsschlägen umgehen. So gibt es für Frankl kein grösseres Sinnstiftendes Prinzip als Zeugenschaft für die menschliche Potentialität abzulegen. Hierfür führt Frankl diverse Beispiele aus Extremsituationen an.

Im Anschluss erläutert Frankl die beiden Grund-Techniken der Logotherapie

1) Re-Reflexion
2) Paradoxe Intention

Und untermalt diese in vielfältigen Beispielen aus seiner, wie auch der Erfahrung anderer Psychologen.

Ich könnte wohl noch viel zu dieser Vorlesung schreiben, doch ist das nicht der Sinn des Blogs alles (reduktionistisch ;-) ) wahrheitsgetreu wiederzugeben. Vielmehr soll dieser Blogeintrag auf das Thema hinweisen und Lust und Neugier wecken sich ebenfalls mit diesen Themen zu beschäftigen, denn sie sind aus meiner Sicht hoch spannend und berühren einen der konkret wichtigsten und doch transzendentesten Pfeiler in meinem Leben, den Sinn. Für alle Sinn- und Glücks-Sucher sehr zu empfehlen ;-)

Sonntag, 1. Juni 2008

Faszination Fliegen

Dies wird wohl einer der untypischsten Blogeinträge seit mein Blog existiert. Eigentlich habe ich nicht viel mit dem Militär am Hut (ich war ja auch nie Mitglied in diesem Verein ;-) ) aber die Fliegerei fasziniert mich einfach.



Wenn ich diese Bilder so sehe bekomme ich richtig Sehnsucht nach der Fliegerei. Die Kraft von solchen Flugzeugen, der Lärm, der Kerosingeruch zusammen mit der Freiheit der pfeilschnellen dreidimensionalen Bewegung (und dann noch mit so viel Power in den Alpen) fasziniert mich einfach. Vielleicht klingt das für einige etwas pubertär doch ‚so what’, diese Bilder berühren eine grosse Leidenschaft von mir ;-) und ausserdem finde ich das Video sehr gut geschnitten und vertont.

Aber leider fliege ich nur kleine Propellermaschinen. Mal so nen Jet zu fliegen wäre ein echter Traum (den ich mir irgendwann ganz sicher mal erfüllen werde)!

Auf jeden Fall ist unser Akro Flieger im Verein bald wieder zurück aus der Wartung und ich habe mir vorgenommen mal wieder etwas mehr Kunstflug zu machen und dieses Jahr richtig zu trainieren.

Donnerstag, 29. Mai 2008

Der Panther

Vor einiger Zeit war ich mit einer lieben Bekannten Essen und unter ganz vielen Themen, die wir an diesem Abend gestreift hatten, war auch das Thema ‚Krafttier’. Als sie mir das Konzept eines Krafttiers erläuterte, machte sich mein Kopf natürlich gleich auf die Suche nach meinem Krafttier. Es dauerte eine Weile, aber fast gleichzeitig sagten wir ‚Schwarzer Panther’ ;-). Einige Tage später schickte sie mir zwei eingescannte Seiten aus einem Buch über Krafttiere. Diese Seiten sind mir heute beim Aufräumen wieder in die Hände gefallen und ich dachte sie passen wunderbar auf den Blog, der schon (mehr oder weniger unbewusster Weise damals) den Namen eines Panthers trägt. Was davon auf mich zutreffen mag ist wohl eher von aussen ersichtlich. Das müssten meine Freunde beantworten. Doch beschreibt dieser Text in ganz vielen Dingen meine Haltung zum Leben und somit auch die Art und Weise, wie ich mein Leben führen möchte. Es hat erstaunlich gut gepasst.


Panther (Qualität: Leidenschaft)

Die Botschaft des Panthers:

»Ja, ich bin ein grosser Jäger. Ich verfolge meine Beute mit grösster Ausdauer und grösstem Zartgefühl. Selbst im Augenblick des Zuschlagens bin ich voller Wertschätzung, dass die Seele dieses Wesens, das sich hingegeben hat, damit einverstanden ist. Es ist eine Entscheidung aus Liebe, nicht aus Angst, wie ihr meint. Diese Liebe bezieht sich nicht nur auf mich und meine Familie, sondern sie ermöglicht es allem Lebendigen, sich in den grossen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt weiterzuentwickeln. Für dich geht es darum, jene Teile deines Egos und deines Bewusstseins aufzuspüren, die geschwächt sind, veraltet, instabil und für die Gesamtheit deines Wesens nicht mehr nützlich. Indem du diese Aspekte in das Licht der Aufmerksamkeit holst, sogst du dafür, dass etwas neu geboren werden kann, was deinem Wachstum dient. So gibst du deiner Seele Raum und Unterstützung, um ihre Bestimmung zu erfüllen.
Die Jagd dauert nur kurze Zeit, denn die stehen immer viele Ressourcen zur Verfügung, um deinen Körper und deine Seele zu nähren. Zwischen den kurzen Perioden, in denen du dich um die Befriedigung deiner grundlegenden Bedürfnisse kümmern musst, steht dir viel Zeit zur Verfügung, um dich deinen irdischen Leidenschaften hinzugeben – Leidenschaften, die deine Seele entflammen. Dabei geht es nicht nur um Sexualität, sondern auch um das Leidenschaftliche Auskosten des Gefühls der warmen Brise auf deiner Haut, der Schönheit des Sonnenaufgangs, der Lieder deiner Kinder, des regelmässigen Schlagens deines Herzens und des Duftes der Haut deines Liebsten. Es ist ein Fehler, Leidenschaft nur auf Sexualität zu beziehen. Lass lieber jeden Atemzug, jede Bewegung von Leidenschaft durchdrungen sein. Lass die Leidenschaft durch dich leben und zum Ausdruck kommen, als du selbst«


Wenn der Panther dein Krafttier ist, so heisst das:

  • Du arbeitest am besten unter Druck, doch du kannst ein Gleichgewicht herstellen, weil du dir immer wieder Zeit zum Ausruhen und Spielen nimmst.
  • Sobald Du ein Ziel oder einen Traum hast, arbeitest Du still und zielstrebig auf die Verwirklichung hin, denn du weißt, dass zu viel Gerede deine Motivation schwächt und die Manifestation gefährden kann.
  • Du bist sehr taktil und sinnlich. Du kommunizierst oft durch Berührung, doch du bist so empfindlich, dass die falsche Art von Berührung dich reizen kann. Angenehme Berührungen können dich dagegen beleben und energetisieren.
  • Du hast das angeborene Talent einer aussergewöhnlichen Einsicht, einem inneren Wissen. Dadurch hast du dich Zeit deines Lebens anders als andere gefühlt.

Bitte um die Hilfe des Panthers, wenn…

  • du dich fürchtest oder bedroht fühlst und einen starken Schutz brauchst.
  • du eine Zeit des Leidens oder gar einen metaphorischen Tod durchgemacht hast und die Unterstützung dabei wünschst, mit einer Wiedergeburt diesen Zyklus zu vollenden und wieder in deine Kraft zu kommen.
  • Du verwundet wurdest, sei es körperlich oder emotional, und Hilfe bei der Heilung brauchst.
  • Du mit einem Aspekt deines Lebens oder deines Charakters konfrontiert wirst, den du verdrängt, vermieden oder im Schatten stehen gelassen hast, weil er dir unangenehm war. Jetzt allerdings bist du bereit, dich mit diesem Aspekt auseinanderzusetzen, egal welche Konsequenzen das haben könnte.

Zugang zur Kraft des Panthers

  • Verbringe etwas Zeit mit deinem Liebespartner, in der ihr miteinander allein seid, euch berühren und miteinander zärtlich sein könnt. Geniesse die Sinnlichkeit der Erfahrung, ohne dass sie unbedingt zum Geschlechtsverkehr führen muss.
  • Schreibe in dein Tagebuch oder auf ein Blatt Papier den Satz: »Ich bin jetzt bereit, … loszulassen« und liste dann all die Situationen, Menschen und Aspekte deines eigenen Charakters auf, die du bereit bist, jetzt gehen zu lassen.
  • Geh auf die Pirsch. Geh barfuss, langsam und so lautlos wie möglich über die Erde. Richte die Füsse dabei ein wenig nach innen, sodass die Aussenkante der Fusssohle als Erstes den Boden berührt.
  • Achte im Laufe des Tages genau auf die Empfindungen in deinem Solarplexus (dem dritten Chakra), dem Sitz deines Bauchgefühls. Bemerke, wenn sich dieser Bereich deines Körpers anspannt und welche Gedanken oder Umstände dies ausgelöst haben.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Glück und Architektur – Alain de Botton

Als ich neulich wieder mal durch die Buchhandlung schlenderte und nach neuen Büchern Ausschau hielt sah ich, dass Alain de Botton ein Buch geschrieben hat welches ich noch nicht kannte. Sofort fühlte ich mich zurückversetzt in das Jahr 2003 als ich nächtelang auf den, von der Sommersonne aufgeheizten Steinen am See bis spät in die Nacht sass und die Bücher nur so verschlang. In diesem Jahr hatte ich auch die meisten andern Bücher von de Botton gelesen (‚Versuch über die Liebe’, ‚Wie Proust ihr Leben verändern kann’, ‚Trost der Philosophie’ und ‚Isabel’) und nicht ohne etwas von der Melancholie diesen Jahres zu verspüren, nahm ich das Buch und wollte es schon bezahlen als mir plötzlich ein weiteres auf einem Stapel in der Nähe der Kasse in die Augen fiel. Eine gute Bekannte aus demselben Jahr lachte mir entgegen – Siri Hustvedt (mehr dazu in einem der folgenden Blogeinträge). Vielleicht ein Zufall und dennoch gibt es viele Anzeichen dafür, dass 2008 für mich ebenfalls ein ähnlich einschneidendes Jahr werden wird wie es 2003 gewesen ist. Nun aber zum Buch selber.

In seiner gewohnt flüssigen und eingängigen Schreibweise entführt uns de Botton diesmal in die Welt der Architektur und damit natürlich auch in die Welt der Schönheit, Eleganz, Ästhetik und der Ideale. Welche Orte tun uns gut, Wie muss ein Ort geschaffen sein, dass er mir Kraft gibt, was ist ein schönes Gebäude und welchen Einfluss hat dieses auf mein ganz persönliches Glücksgefühl? All diesen und weiteren Fragen geht de Botton auf 287 Seiten nach.

»Zwar ist es keineswegs ungewöhnlich, dass wir etwas schönes kaufen wollen, sobald wir es sehen, doch wünschen wir uns vermutlich weniger, das Schöne zu besitzen, als vielmehr dauerhaften Anspruch auf die inneren Werte erheben zu können, die es verkörpert. […]
Zu kaufen, was wir schön finden, mag sogar die phantasieloseste Art sein, mit jener Sehnsucht umzugehen, die das Schöne in uns erregt, so wie der Versuch, mit jemandem zu schlafen, die dümmste Reaktion auf eine Regung der Liebe sein kann.«


Ausgehend von einer generellen Betrachtung über die Bedeutung der Architektur sowie verschiedener Baustile kommt der Autor relativ schnell auf die Themen, welche die Psychologie des Glücks und Architektur in Beziehung setzen. Wer hier jedoch eine tiefgründigere psychologische Betrachtung erwartet wird enttäuscht. Auf der Basis einer vorwiegend phänomenologischen Betrachtungsweise, führt uns de Botton durch die zentralen Kapitel dieses Buches über die ‚Ideale des Daheimseins’ und ‚die Tugenden von Gebäuden’. Seine Thesen und Sichtweisen werden mit viel Bildmaterial und Beispielen aus den verschiedensten Epochen und Stilrichtungen untermalt und plausibilisiert.

»Wie die Gebäude vereinen auch wir Gegensätze, die wir mehr oder minder erfolgreich im Gleichgewicht halten. Und wir können ebenfalls zu Extremen neigen – zu Chaos oder Strenge, Dekadenz oder Askese, Machismo oder Effemination-, obwohl wir instinktiv ahnen, wie sehr unser Wohlbefinden davon abhängt, dass wir unsere Polaritäten zugleich aushalten und ausschalten können. […]
Wenn uns der Anblick einiger subtil ausbalancierter Gebäude berührt, dann deshalb, weil sie uns exemplarisch zeigen, wie wir zwischen widersprüchlichen Seiten unserer Persönlichkeit vermitteln und selber aber danach streben können, aus verstörenden Widersprüchen etwas Schönes erstehen zu lassen.«


»Unbarmherzig beansprucht die Arbeit nur eine schmale Bandbreite unserer Möglichkeiten, reduziert unsere Hoffnung auf eine ausgewogene Persönlichkeit und lässt uns fürchten (meist an einem Sonntagabend bei Einbruch der Dämmerung), dass viel von dem, was wir sind oder sein könnten, unerforscht bleibt.«

Wäre das Buch jedoch nicht von de Botton gewesen, so hätte ich es mir (allein ausgehend vom Titel) vermutlich nicht gekauft. Doch der Autor schafft es tatsächlich einem architektonisch Ungebildeten wie mir, die Architektur und deren Bezug auf die menschliche Psyche näher zu bringen. Es war spannend und interessant zu lesen obgleich ich dieses Buch in meiner persönlichen de Botton-Bestenliste nach ‚Die Kunst des Reisens’, ‚Versuch über die Liebe’, ‚Wie Proust ihr Leben verändern kann’ und ‚Trost der Philosophie’ erst auf Platz fünf einreihen würde.