Samstag, 28. März 2009

Traumnovelle - Arthur Schnitzler

Als ich neulich abends gelangweilt im Wohnzimmer sass und etwas rumzappte, bin ich auf den Film 'Eyes Wide Shut' gestossen, der gerade lief. Das erinnerte mich daran, dass ich schon lang mal die Traumnovelle lesen wollte und so habe ich sie mir dann auch gleich bestellt. Den Film hab ich aber trotzdem zu Ende geschaut und obwohl ich Tom Cruise nicht wirklich mag, muss ich sagen, dass der Film wirklich spannend gemacht ist.

Das Buch ist ähnlich spannend und entführt uns in fast die gleiche Zeit, in welcher auch das letzte Buch spielt, welches ich gelesen habe. Noch mehr als bei 'Und Nietzsche weinte' fällt dem Leser jedoch die Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Wien auf. Schon allein diese Sprache versetzt den Leser zurück in die Zeiten der Kopfsteinpflaster über welche die Droschken der Nobelleute ratterten und im Schein der Gaslaternen ihre Schatten in die Strassen warfen. Die Zeit der grossen Entdeckungen in Medizin, Ingenieurswesen und anderen Wissenschaften, aber auch die Zeit des Fin de Siècle und die damit einher gehende ausgeprägte Dekadenz und Wollust. Und genau in diesem Spannungsfeld spielt die Novelle von Schnitzler auch.

So beginnt die Novelle mit dem Geständnis von Albertine, Fridolins Frau, welche ihm ihre erotischen Gefühle oder Phantasien gesteht, in welchen er nicht Objekt ihrer Begierde war. Zwar erwidert Fridolin Albertines Offenheit und gibt ihr einen Einblick in seine Welt, doch wirkt Albertines Geständnis tiefer in ihm, als er sich zuerst eingestehen mag.

Getrieben von dieser Kraft durchstreift Fridolin im Verlauf der Novelle die verschiedensten Situationen, die alle samt auch Stationen eines Traumes hätten sein können. Stationen an denen sich der Reisende selbst existenziell hinterfragt und immer tiefer in sich selbst vordringt. Stationen, in denen der Charakter Fridolins aus verschiedenen Sichteisen beleuchtet wird. Situationen, die für mich wirklich anschaulich den Zeitgeist des damaligen Wiens illustrieren.

Und wie in einem Traum verschwimmt auch die Realität mit dem was hätte sein können, so dass die Phantasie des Lesers am Ende der Novelle stärker genährt ist als die Befriedigung der Neugier.

Mir hat das kleine Büchlein von gerade mal 100 Seiten sehr gut gefallen. Obschon die Sprache zuerst ungewöhnlich wirkt ist der Text dennoch gut und flüssig zu lesen und man taucht wirklich in eine vergangene Welt ein. Schön.

Mittwoch, 18. März 2009

Und Nietzsche weinte - Irvin D. Yalom

Eigentlich sind sich Friedrich Nietzsche und Josef Breuer im wahren Leben nie begegnet und doch baut Yalom basierend auf dieser fiktiven Begegnung einen erstaunlichen Roman auf. Dieser führt uns zurück in das Wien des Fin de Siècle wo wir Zeugen der (fiktiven) Entstehung der analytischen Psychotherapie werden. Eigentlich stand dieses Buch schon lange auf meiner ‘will ich noch lesen Liste’, doch der fliessende Übergang zwischen Realität und Fiktion hat mich immer wieder davon abgehalten dieses Buch ohne die genauere Kenntnis der Biographien von Nietzsche, Breuer und Salomé zu lesen. Durch einen Zufall ist mir dieses Buch jedoch wieder in die Hände gefallen und nun, nachem ich es verschlungen habe, bin ich froh meine vorherige ‘Verpflichtung der wahren Realität gegenüber’ aufgegeben zu haben. Gekonnt vermischt Yalom reale Begebenheiten und Fakten mit fiktiven verbindenden Elementen, so dass eine Geschichte entsteht, die sich gemessen an André Gides Ausspruch ‘Dichtung ist Geschichte, die hätte stattfinden können’ genau so hätte zutragen können.

Nun aber zum eigentlichen Roman. Breuer arbeitet als renommierter Arzt und Erfinder der völlig neuartigen ‘Redekur’ in Wien, als er unerwarteten Besuch empfängt. Lou Salomé, eine ehemalige Freundin Nietzsches, bittet Breuer diese neuartige Kur bei Nietzsche, welcher an Migräne und schwerer Depression leidet anzuwenden. Ungewöhnlich ist jedoch die Tatsache, dass er Nietzsche ohne dessen Wissen behandeln soll. In den Bann von Salomés Erscheinung gezogen, willigt Breuer ein und Lou Salomé arrangiert durch geschickte und listige Manipulation ein Treffen. Doch als schnell klar wird, dass ein alt hergebrachtes Ärzte/Patient-Verhältnis nicht zum Erfolg führen wird, bedient sich Breuer einer List. Er bittet Nietzsche ihn ob seiner eigenen Leiden existentieller Natur zu heilen.

“Seine Angst war eine schmerzende Wunde – bis zu dem Tage, an dem er die Lust als Mittel der Bändigung von Angst entdeckte. Dankbar gewährte er also der Lust Einlaß in sein Bewußtsein, und die Lust, welche keine Rivalinnen duldet, verdrängte alsbald schon alle anderen Gedanken.”

Nietzsche, dessen Philosophie sich genau diesen Themen widmet, einigt ein und so erkunden und entdecken die beiden Protagonisten ihre Psyche, die zwar verschiedenen Quellen entspringen, jedoch erstaunlicherweise auf symptomatischer Ebene sehr viele Parallelen aufweisen. Durch ihre gegensätzliche Herangehensweise und beider Überzeugung den Anderen heilen zu wollen, öffnen sie längst verschlossene Türen in sich selbst und wagen erste vorsichtige Blicke in die sich neu auftuenden Räume. Doch keinem der Beiden gelingt es wirklich, diese neuen Räume auch zu betreten.

"...Sie wollen Fliegen, doch man erfliegt das Fliegen nicht. Zuerst müssen Sie gehen lernen, und der erste Schritt hierzu liegt in der Erkenntnis, daß dem, welcher sich nicht selbst gehorcht, von anderen befohlen wird. Es ist leichter, weitaus leichter, anderen zu gehorchen, als sich selbst zu befehlen."

“Er begreift, daß der Wille machtlos ist gegen das »so war es«. Bin ich imstande, ihn zu lehren, wie das »so war es« in das »so wollte ich es« umzuschaffen ist?”

Erst als Beide ihre innerliche Überlegenheit sowie ihre Überzeugung den anderen heilen zu wollen aufgeben,  kommt es zu einem für beide fruchtbaren Dialog. Aufgrund der Tatsache, dass Nietzsche stark vom Kopf her argumentiert, während Breuer aus der Position des Verfechters der Intuition spricht, haben mich diese Stellen immer wieder an die Unterhaltungen erinnert, welche sich laufend zwischen unserem Kopf und Bauch ergeben. Nur wenn beide sich auf die gleiche Ebene begeben und ihr eigenes Selbstverständnis einer gemeinsamen Demut(*) unterwerfen, werden sie sich auf einer Ebene treffen so dass ein Austausch unter Gleichberechtigten stattfinden kann.

‚Und Nietzsche weinte’ weisst sehr viele Parallelen mit ‚Die Schopenhauer-Kur’ auf. Ganz zentral im Mittelpunkt steht auch hier wieder das Verhältnis zwischen Patient und Therapeut, welches Yalom (so gesehen der Heissenberg der Psychotherapie) auf eindrückliche Weise als Wegbegleiter und nicht als Berater porträtiert. Auch die potentiell heilende Wirkung der Philosophie (sofern man sie in die Praxis umzusetzen vermag) sowie die reichlich enthaltenen Einblicke in die Welt der Psychotherapie sind weitere verbindende Elemente.

Aber der Roman besticht auch durch seine Sprache. Schon nach wenigen Seiten hat man den Eindruck im Wien des späten 19. Jahrhunderts zu sein. Und doch ist der Roman sehr leicht und flüssig zu lesen und wirkt trotz des Spagates zwischen historischer Realität und sinngebender Fiktion sehr natürlich und wenig konstruiert. Ein Buch, welches ich absolut empfehlen kann. Zum Schluss noch einige der vielen Zitate, welche mir gefallen haben.

“Locken? Ich weiß es nicht. Darauf weiß ich keine Antwort. Ich liebe die Gefahr nicht! Wenn mich etwas lockt, dann nicht die Gefahr – eher das Entkommen, und zwar nicht der Gefahr, sondern der Sicherheit. Vielleicht habe ich zu sicher gelebt! Wer weiß, Josef, ob ein sicheres Leben nicht tatsächlich gefährlich sei. Gefährlich tödlich.”

“Wir Skeptiker haben unsere eigenen Feinde, unseren eigenen Teufel, der unsere Skesis unterhöhlt und die Saat des Glaubens in die unvermutetsten Winkel streut. Also töten wir die Götter, sprechen jedoch die Lückenbüßer heilig – Lehrer, Künstler, schöne Frauen”

„Aber Friedrich, müssen wir Forscher nach Wahrheit, um die Wahrheit zu ergründen, nicht aller Illusion abschwören?“
„WAHRHEIT großgeschrieben!“ rief Nietzsche. Nur vergaß ich zu sagen, Josef, daß die Forscher nach Wahrheit eines noch lernen müssen: daß nämlich auch die WAHRHEIT eine Illusion ist – allerdings eine, ohne die wir nicht leben können.“


(*) Ich verwende den Begriff Demut hier nicht im religiösen Kontext sondern im Sinne Fromms, für den die Demut die der Vernunft und Objektivität entsprechende emotionale Haltung als Voraussetzung der Überwindung des eigenen Narzissmus bedeutet.

Donnerstag, 5. März 2009

Die Schopenhauer-Kur – Irvin D. Yalom

Julius Hertzfeldt ist 65 Jahre alt und geniesst einen ausgezeichneten Ruf als Psychoanalytiker bei Kollegen wie auch Patienten. Seit dem Tod seiner Frau vor viele

n Jahren, fand er grosse Erfüllung in seiner Arbeit und der Passion anderen Menschen zu helfen. Doch all das gerät aus den Fugen als er die Diagnose eines bösartigen Krebsleidens erhält, welches ihm lediglich noch ein Jahr zugesteht.

 

Schnell kristallisiert sich aus der aufkeimenden Frage nach dem Sinn seines Lebens die Frage nach den nachhaltigen Erfolgen seines Wirkens als Psychotherapeut. Sicher hatte er vielen Menschen vordergründlich helfen können, dem war er sich sicher. Doch irgendetwas trübt diese Gewissheit.

 

"Hast du deinen Patienten wirklich und wahrhaftig geholfen? Vielleicht hast Du einfach nur gelernt, dir die Patienten auszusuchen, denen es auch von selbst besser gegangen wäre."

 

Getrieben von seiner Antwort nach dieser Frage, die ihm wie ein Stachel im Fleische seiner Selbst sitzt, nimmt Julius Kontakt mit Philip Slate, einem ehemaligen Patienten auf. Als er erfährt, dass Philip, welchen er über Jahre hinweg erfolglos von seiner Sexsucht zu therapieren versuchte allein durch die Lektüre Schopenhauers vollständig von seinem Leiden geheilt wurde ist Julius' Interesse geweckt.

 

"Die Schopenhauer-Kur" ist ein intelligenter Roman, welcher zwischen den Polen der Philosophie und der Psychologie ein breites Betätigungsfeld für die menschliche Sinnsuche entstehen lässt. Wie ein Pendel zwischen diesen beiden Polen führen meist alternierende Kapitel in die am Anfang völlig antagonistisch erscheinenden Welten der Schopenhauerschen Philosophie und der Gruppentherapie ein.

 

Geschickt webt Yalom all diese Aspekte in eine interessante und spannende Handlung mit ein, welche einen fesselt und viele der theoretischen Konstrukte und Prinzipien sehr kurzweilig und interessant erscheinen lässt. Ein interessanter Einblick in die Welt der Philisophie speziell von Kant über Schopenhauer bis hin zu Nietzsche und deren Verbindung über Freud bis in die moderne Analytik. Ein wirklich tolles Buch, für welches man ein Ausspruch Zarathustras  folgendermassen umschreiben könnte:

 

"War das das Buch (Orig.: Leben)? Nun denn, noch einmal!"

Samstag, 21. Februar 2009

Fields of the Nephilim

Vor einiger Zeit bin ich durch Zufall auf ‚Fields of the Nephilim’ gestossen und mittlerweile gehören sie mehr oder weniger zu meinem ‚Standart Repertoire’, welches ich des Öfteren höre. Grund genug ihnen einen Blogeintrag zu widmen.

 

 

Das Wort Ha-Nephillim kommt eigentlich aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie ‚Der Fäller’ oder ‚Der zu Fall bringende’ und entstammt der altisraelischen Mythologie. Später wurde der Ausdruck meist mit ‚Gefallener Engel’ übersetzt. Die Band wurde 1983 gegründet, 1991 aufgelöst und 2005 wiedervereinigt. Besonders die mystische und geheimnisvolle Stimmung ihrer Songs hat es mir angetan.

 

 

Ich bin gespannt, ob diese Art von Musik ihre Anhänger unter den Bloglesern findet ;-).

Sonntag, 8. Februar 2009

Zeit des Mondes – David Almond

In letzter Zeit hat sich sehr viel in Michaels Leben ereignet. Seine Schwester ist viel zu früh und dann noch mit einem lebensbedrohlichen Herzfehler zur Welt gekommen. Und dann ist seine Familie noch aus dem gewohnten Umfeld in ein altes und sehr renovierungsbedürftiges Haus umgezogen. Obwohl er noch in seiner alten Schule geblieben ist um seine Freunde zu behalten, fühlt sich Michael in seiner neuen Umgebung noch überhaupt nicht zu Hause. Auch seine Eltern haben wenig Zeit für ihn, denn seine wird durch seine todkranke Schwester absorbiert und sein Vater arbeitet bis spät in die Nacht an ihrem neuen Zuhause, damit sie als Familie bald ein neues, freudigeres Kapitel in ihrem Leben umschlagen dürfen. Keine leichte Situation für einen zwölfjährigen Jungen, der in einer Umbruchphase seines Lebens immer wieder zwischen seinen Gefühlen, seinem Drang sich bei seinen Freunden zu beweisen und seinem Entdeckergeist hin und her balanciert.

 

Doch der neue ort birgt auch Überraschungen. So lernt Michael relativ schnell nach dem Umzug das Nachbarmädchen Mina kennen. Sie lebt im Haus nebenan alleine mit ihrer Mutter und geht nicht zur Schule, denn ihre Mutter unterrichtet sie selbst. Schnell baut sich eine enge Freundschaft zwischen den Beiden auf, die Michael auch gegenüber seinen Freunden vehement verteidigt.

 

Doch die grösste Überraschung wartet in dem alten baufälligen Schuppen neben dem Haus auf Michael. Obwohl dieser stark einsturzgefährdet ist und seine Eltern ihm strengstens verboten haben ihn zu betreten, lässt Michaels Neugier keine Ruhe. Er erkundet die Garage und entdeckt zwischen alten Kommoden, Teekisten und anderem Gerümpel ein seltsames Wesen.

 

»Ich dachte, er sei tot. Er saß mit ausgestreckten Beinen da, sein Kopf war nach inten gegen die Wand gelehnt. Er war mit Staub und Spinnweben bedeckt wie alles Andere und sein Gesicht war dünn und blass. Tote Schmeißfliegen lagen auf seinen Haaren und Schultern.«

 

Doch schnell begreift Michael, dass von diesem Wesen keinerlei Gefahr ausgeht und er und Mina freunden sich sogar mit Skellig, denn so heisst das Wesen, an. Sie päppeln es auf und sorgen dafür, dass es wieder zu Kräften kommt und machen dabei eine weitere Entdeckung.

 

„Zeit des Mondes“ ist ein sehr einfühlsames Buch, welches Kinder im Alter von Michael, aber auch Leute im Alter von Baghira oder noch viel ältere Leute anspricht, denn das Gefühl der Leichtigkeit und den Wunsch auf eigenen Flügeln hinfortgetragen zu werden und die ganze Welt aus einer neuen Perspektive zu betrachten, ist uns Allen wohl so vertraut, wie das fast gleichzeitige Gefühl der Verbundenheit und Nähe mit den Menschen, die man liebt.

Donnerstag, 29. Januar 2009

Krabat – Otfried Preußler

Wir schreiben das erste Viertel des 18.- Jahrhunderts. Der grosse Nordische Krieg wütet bereits in Nordeuropa und kündigt ein neues Machtgefüge für ganz Europa an. In Mitten all dieser Wirren, trifft der 14-jährige Waisenjunge Krabat wie von Geisterhand geführt in der Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm ein und wird dort vom Müllermeister und seinen elf Mühlknappen als zwölfter Lehrling aufgenommen. Schon während den ersten Wochen freundet sich Krabat mit dem Altgesellen Tonda an, der ihn immer wieder unterstützt und ihm wie ein Bruder zur Seite steht. Doch schnell merkt Krabat, dass es in dieser Mühle nicht mit rechten Dingen zugeht.

 

Neben dem Müllerhandwerk unterrichtet der undurchsichtige und herrschsüchtige Müllermeister seine Mühlknappen auch in der Kunst der Magie und bevor er sich versieht, wird Krabat zum zwölften Lehrling dieser „schwarzen Schule“. Anfänglich findet Krabat sogar Gefallen an der Macht der Magie doch spätestens als er erfährt wozu der siebte und verlassene Mahlgang benutzt wird und was es mit dem „Herrn Gevatter“ auf sich hat, welcher jede Vollmondnacht mit einer Kutsche wie von Geisterhand gezogen vorfährt, merkt Krabat wie tief er sich bereits in sein Schicksal verstrickt hat.

 

Krabat von Otfried Preußler ist ein Märchen, welches auf einer alten sorbischen Volkssage aus dem 17.-Jahrundert beruht. Wie in allen Märchen geht es auch hier um den Wettstreit zwischen Gut und Böse, es geht um die eigene Integrität und es geht (zum Schluss) um die Liebe. Doch trotz dieses klassischen Aufbaus war Krabat für mich jederzeit auch ein modernes Märchen. Ein Märchen, das sich ohne grosse Mühe in unsere Zeit übersetzen lässt. So sagte Preußler selbst über sein Buch:

 

„Mein Krabat ist [...] meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“

 

Weiter schreibt er:

 

„Da gibt es nur einen Ausweg, den einzigen, den ich kenne: den festen Willen, sich davon freizumachen, die Hilfe von treuen Freunden – und jene Hilfe, die einem aus der kraft der Liebe zuwächst [...].“

 

Gerade vor ein paar Stunden noch, hatte ich ein langes Gespräch mit einer sehr guten Freundin, die gerade eine schwere Zeit durchmacht. Während des Gespräches sagte sie sinngemäss:

 

„Ich weiss, dass all die Dinge wie Ruhm und Erfolg, welche ich mir erarbeitet habe und zukünftig noch erarbeiten werde, null und nichtig sind gegenüber der menschlichen Nähe, die ich mit meinen Freunden und meinem näheren Umfeld austausche – Und ich weiss, wie mir diese menschliche Nähe Sinn für mein ganzes Leben gibt.“

 

Sicher kennt jeder von uns ähnliche Gedanken. Schnell liest es sich über solche Sätze hinweg, erscheinen sie uns doch oft als Binsenweisheiten. Doch in diesem Gespräch habe ich gemerkt, dass es nicht der Kopf war, der diese Worte sprach. Vielmehr war es eine Sehnsucht, die tief in uns schlummert. Eine Sehnsucht, die durch die Anästhesie des Alltags von uns fern gehalten wird. Eine Sehnsucht, die sich oft erst dann bemerkbar machen kann, wenn die Stille wie eine Glasglocke über uns liegt, uns von unserer Umwelt abschirmt und all die Gedanken zu Wort kommen lässt, die sich bisher gegen den Lärm des Alltags nicht behaupten konnten.

 

Was dies nun mit Krabat zu tun hat? Nun, Märchen sind zumindest für mich eine wunderbare Art diese Stille im Alltag zu spüren.

Sonntag, 11. Januar 2009

Maya oder Das Wunder des Lebens – Jostein Gaarder

Nachdem ich im Januar vor zwei Jahren mein erstes Gaarder Buch (Das Kartengeheimnis) gelesen habe, ist die Zeit des kalten Januars untrennbar mit langen Stunden lesend im Kaffe oder in der Badewanne und den Büchern Gaarders verbunden. So wollte ich auch diesen Januar, meiner Stimmung entsprechend, ein neues Buch von Gaarder geniessen und da ich fast alle Anderen bereits gelesen hatte, kaufte ich mir ‚Maya oder Das Wunder des Lebens’. Richtig erfreut war ich dann auch, als nach etwa 2/3 des Buches klar wurde, dass Das Kartengeheimnis und dieses Buch zusammen hängen. Aber nun zum Inhalt.

 

Frank Andersen ist Biologe und trifft auf seiner Forschungsreise durch Ozeanien auf der Fidji-Insel Taveuni in einem kleinen abgelegenen Resort auf eine Handvoll interessanter Leute, von denen wohl jeder ein anderes Erklärungsmuster für die Dinge im Leben bereit hält, die sich einem nicht auf konventionelle Weise erschliessen. Schnell entstehen Sympathien oder Antipathien, Gedanken werden ausgetauscht und während die Leserin neben streng wissenschaftlichen Sichtweisen auch religiöse oder mystische Einblicke erfährt, baut sich subtil aber unumgänglich ein Geheimnis vor allen beteiligten (zu denen ich hier auch die Leserin zähle) auf, denn wie ist es ansonsten möglich, dass die Flamenco-Tänzerin Ana einem Bild des Malers Goya von vor über 200 Jahren wie einem Ei dem anderen gleicht?

 

Soviel vorab, ‚Maya oder Das Wunder des Lebens’ ist ein typischer Gaarder Roman. Doch im Vergleich zu den meisten seiner anderen Bücher erfordert dieser Roman um so mehr, dass man sich auf ihn einlässt. So muss sich die Leserin auf den ersten 150 Seiten durch ein schier undurchdringbares  Gestrüpp von Paläontologie und Evolutionsbiologie kämpfen bevor sie an eine kleine Lichtung gelangt, die etwas Licht auf die Geschichte wirft und auf welcher ein kleiner roter Faden erkennbar ist. Auch die nächtlichen Gespräche zwischen Frank und dem Gecko Gordon sind nicht immer einfach zu lesen. Aber spätestens ab der Hälfte gewinnt das Buch enorm an Spannung und so zentrale Fragen wie zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens bekommen Gaarder-typisch eine zentrale Rolle. Zitate wie die folgenden Beiden regen mich einfach vor dem Hintergrund von Gaarders Szenerie immer wieder zu interessanten Gedankengängen an:

 

„Der Zufall hätte es natürlich auch so einrichten können, dass auf diesem Planeten überhaupt kein Leben entstanden wäre. Dann könnten wir zweifellos erklären, dieser Planet habe keinen tieferen Zweck zu erfüllen als seine blosse Existenz. Aber wer hätte diese Erklärung liefern sollen?“

 

„Heute gehören wir zur Avantgarde, aber unser Ziel haben wir noch nicht erreicht. Erst in hundert oder tausend oder einer Milliarde Jahren wird sich zeigen, wohin wir unterwegs waren. Auf diese Weise ist das, was sich in ferner Zukunft zuträgt, gewissermassen die Ursache dessen, was sich hier und jetzt abspielt.“

 

Dieses letzte Zitat ist gewissermassen eine zentrale Stelle in diesem Buch, denn eine zentrale Sichtweise beruht auf der Tatsache, dass der Frank die Vergangenheit wie eine Kausalität sieht, die sich wie eine Stauwelle auf der Autobahn rückwärts bewegt, obwohl doch alle Autos nur nach vorne fahren. Zum Abschluss des Blogeintrages hier noch ein weiteres Zitat, welches mir auch sehr gut gefallen hat:

 

„Ich dachte darüber nach, in wie hohem Masse die Naturwissenschaft es sich zum Programm gemacht hat, absolut alles erklären zu wollen. Worin sich natürlich die Gefahr versteckt, allem gegenüber, das sich nicht erklären lässt, vollständig blind zu werden.“

 

Weitere Blogeinträge zu Büchern von Gaarder:

Das Kartengeheimnis, Das Orangenmädchen, Sofies Welt, Der Geschichtenverkäufer, Das Leben ist kurz, Durch den Spiegel in einem dunklen Wort, Hallo, ist da jemand?, Der seltene Vogel, Das Schloss der Frösche