Sonntag, 8. Februar 2009

Zeit des Mondes – David Almond

In letzter Zeit hat sich sehr viel in Michaels Leben ereignet. Seine Schwester ist viel zu früh und dann noch mit einem lebensbedrohlichen Herzfehler zur Welt gekommen. Und dann ist seine Familie noch aus dem gewohnten Umfeld in ein altes und sehr renovierungsbedürftiges Haus umgezogen. Obwohl er noch in seiner alten Schule geblieben ist um seine Freunde zu behalten, fühlt sich Michael in seiner neuen Umgebung noch überhaupt nicht zu Hause. Auch seine Eltern haben wenig Zeit für ihn, denn seine wird durch seine todkranke Schwester absorbiert und sein Vater arbeitet bis spät in die Nacht an ihrem neuen Zuhause, damit sie als Familie bald ein neues, freudigeres Kapitel in ihrem Leben umschlagen dürfen. Keine leichte Situation für einen zwölfjährigen Jungen, der in einer Umbruchphase seines Lebens immer wieder zwischen seinen Gefühlen, seinem Drang sich bei seinen Freunden zu beweisen und seinem Entdeckergeist hin und her balanciert.

 

Doch der neue ort birgt auch Überraschungen. So lernt Michael relativ schnell nach dem Umzug das Nachbarmädchen Mina kennen. Sie lebt im Haus nebenan alleine mit ihrer Mutter und geht nicht zur Schule, denn ihre Mutter unterrichtet sie selbst. Schnell baut sich eine enge Freundschaft zwischen den Beiden auf, die Michael auch gegenüber seinen Freunden vehement verteidigt.

 

Doch die grösste Überraschung wartet in dem alten baufälligen Schuppen neben dem Haus auf Michael. Obwohl dieser stark einsturzgefährdet ist und seine Eltern ihm strengstens verboten haben ihn zu betreten, lässt Michaels Neugier keine Ruhe. Er erkundet die Garage und entdeckt zwischen alten Kommoden, Teekisten und anderem Gerümpel ein seltsames Wesen.

 

»Ich dachte, er sei tot. Er saß mit ausgestreckten Beinen da, sein Kopf war nach inten gegen die Wand gelehnt. Er war mit Staub und Spinnweben bedeckt wie alles Andere und sein Gesicht war dünn und blass. Tote Schmeißfliegen lagen auf seinen Haaren und Schultern.«

 

Doch schnell begreift Michael, dass von diesem Wesen keinerlei Gefahr ausgeht und er und Mina freunden sich sogar mit Skellig, denn so heisst das Wesen, an. Sie päppeln es auf und sorgen dafür, dass es wieder zu Kräften kommt und machen dabei eine weitere Entdeckung.

 

„Zeit des Mondes“ ist ein sehr einfühlsames Buch, welches Kinder im Alter von Michael, aber auch Leute im Alter von Baghira oder noch viel ältere Leute anspricht, denn das Gefühl der Leichtigkeit und den Wunsch auf eigenen Flügeln hinfortgetragen zu werden und die ganze Welt aus einer neuen Perspektive zu betrachten, ist uns Allen wohl so vertraut, wie das fast gleichzeitige Gefühl der Verbundenheit und Nähe mit den Menschen, die man liebt.

Donnerstag, 29. Januar 2009

Krabat – Otfried Preußler

Wir schreiben das erste Viertel des 18.- Jahrhunderts. Der grosse Nordische Krieg wütet bereits in Nordeuropa und kündigt ein neues Machtgefüge für ganz Europa an. In Mitten all dieser Wirren, trifft der 14-jährige Waisenjunge Krabat wie von Geisterhand geführt in der Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm ein und wird dort vom Müllermeister und seinen elf Mühlknappen als zwölfter Lehrling aufgenommen. Schon während den ersten Wochen freundet sich Krabat mit dem Altgesellen Tonda an, der ihn immer wieder unterstützt und ihm wie ein Bruder zur Seite steht. Doch schnell merkt Krabat, dass es in dieser Mühle nicht mit rechten Dingen zugeht.

 

Neben dem Müllerhandwerk unterrichtet der undurchsichtige und herrschsüchtige Müllermeister seine Mühlknappen auch in der Kunst der Magie und bevor er sich versieht, wird Krabat zum zwölften Lehrling dieser „schwarzen Schule“. Anfänglich findet Krabat sogar Gefallen an der Macht der Magie doch spätestens als er erfährt wozu der siebte und verlassene Mahlgang benutzt wird und was es mit dem „Herrn Gevatter“ auf sich hat, welcher jede Vollmondnacht mit einer Kutsche wie von Geisterhand gezogen vorfährt, merkt Krabat wie tief er sich bereits in sein Schicksal verstrickt hat.

 

Krabat von Otfried Preußler ist ein Märchen, welches auf einer alten sorbischen Volkssage aus dem 17.-Jahrundert beruht. Wie in allen Märchen geht es auch hier um den Wettstreit zwischen Gut und Böse, es geht um die eigene Integrität und es geht (zum Schluss) um die Liebe. Doch trotz dieses klassischen Aufbaus war Krabat für mich jederzeit auch ein modernes Märchen. Ein Märchen, das sich ohne grosse Mühe in unsere Zeit übersetzen lässt. So sagte Preußler selbst über sein Buch:

 

„Mein Krabat ist [...] meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“

 

Weiter schreibt er:

 

„Da gibt es nur einen Ausweg, den einzigen, den ich kenne: den festen Willen, sich davon freizumachen, die Hilfe von treuen Freunden – und jene Hilfe, die einem aus der kraft der Liebe zuwächst [...].“

 

Gerade vor ein paar Stunden noch, hatte ich ein langes Gespräch mit einer sehr guten Freundin, die gerade eine schwere Zeit durchmacht. Während des Gespräches sagte sie sinngemäss:

 

„Ich weiss, dass all die Dinge wie Ruhm und Erfolg, welche ich mir erarbeitet habe und zukünftig noch erarbeiten werde, null und nichtig sind gegenüber der menschlichen Nähe, die ich mit meinen Freunden und meinem näheren Umfeld austausche – Und ich weiss, wie mir diese menschliche Nähe Sinn für mein ganzes Leben gibt.“

 

Sicher kennt jeder von uns ähnliche Gedanken. Schnell liest es sich über solche Sätze hinweg, erscheinen sie uns doch oft als Binsenweisheiten. Doch in diesem Gespräch habe ich gemerkt, dass es nicht der Kopf war, der diese Worte sprach. Vielmehr war es eine Sehnsucht, die tief in uns schlummert. Eine Sehnsucht, die durch die Anästhesie des Alltags von uns fern gehalten wird. Eine Sehnsucht, die sich oft erst dann bemerkbar machen kann, wenn die Stille wie eine Glasglocke über uns liegt, uns von unserer Umwelt abschirmt und all die Gedanken zu Wort kommen lässt, die sich bisher gegen den Lärm des Alltags nicht behaupten konnten.

 

Was dies nun mit Krabat zu tun hat? Nun, Märchen sind zumindest für mich eine wunderbare Art diese Stille im Alltag zu spüren.

Sonntag, 11. Januar 2009

Maya oder Das Wunder des Lebens – Jostein Gaarder

Nachdem ich im Januar vor zwei Jahren mein erstes Gaarder Buch (Das Kartengeheimnis) gelesen habe, ist die Zeit des kalten Januars untrennbar mit langen Stunden lesend im Kaffe oder in der Badewanne und den Büchern Gaarders verbunden. So wollte ich auch diesen Januar, meiner Stimmung entsprechend, ein neues Buch von Gaarder geniessen und da ich fast alle Anderen bereits gelesen hatte, kaufte ich mir ‚Maya oder Das Wunder des Lebens’. Richtig erfreut war ich dann auch, als nach etwa 2/3 des Buches klar wurde, dass Das Kartengeheimnis und dieses Buch zusammen hängen. Aber nun zum Inhalt.

 

Frank Andersen ist Biologe und trifft auf seiner Forschungsreise durch Ozeanien auf der Fidji-Insel Taveuni in einem kleinen abgelegenen Resort auf eine Handvoll interessanter Leute, von denen wohl jeder ein anderes Erklärungsmuster für die Dinge im Leben bereit hält, die sich einem nicht auf konventionelle Weise erschliessen. Schnell entstehen Sympathien oder Antipathien, Gedanken werden ausgetauscht und während die Leserin neben streng wissenschaftlichen Sichtweisen auch religiöse oder mystische Einblicke erfährt, baut sich subtil aber unumgänglich ein Geheimnis vor allen beteiligten (zu denen ich hier auch die Leserin zähle) auf, denn wie ist es ansonsten möglich, dass die Flamenco-Tänzerin Ana einem Bild des Malers Goya von vor über 200 Jahren wie einem Ei dem anderen gleicht?

 

Soviel vorab, ‚Maya oder Das Wunder des Lebens’ ist ein typischer Gaarder Roman. Doch im Vergleich zu den meisten seiner anderen Bücher erfordert dieser Roman um so mehr, dass man sich auf ihn einlässt. So muss sich die Leserin auf den ersten 150 Seiten durch ein schier undurchdringbares  Gestrüpp von Paläontologie und Evolutionsbiologie kämpfen bevor sie an eine kleine Lichtung gelangt, die etwas Licht auf die Geschichte wirft und auf welcher ein kleiner roter Faden erkennbar ist. Auch die nächtlichen Gespräche zwischen Frank und dem Gecko Gordon sind nicht immer einfach zu lesen. Aber spätestens ab der Hälfte gewinnt das Buch enorm an Spannung und so zentrale Fragen wie zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens bekommen Gaarder-typisch eine zentrale Rolle. Zitate wie die folgenden Beiden regen mich einfach vor dem Hintergrund von Gaarders Szenerie immer wieder zu interessanten Gedankengängen an:

 

„Der Zufall hätte es natürlich auch so einrichten können, dass auf diesem Planeten überhaupt kein Leben entstanden wäre. Dann könnten wir zweifellos erklären, dieser Planet habe keinen tieferen Zweck zu erfüllen als seine blosse Existenz. Aber wer hätte diese Erklärung liefern sollen?“

 

„Heute gehören wir zur Avantgarde, aber unser Ziel haben wir noch nicht erreicht. Erst in hundert oder tausend oder einer Milliarde Jahren wird sich zeigen, wohin wir unterwegs waren. Auf diese Weise ist das, was sich in ferner Zukunft zuträgt, gewissermassen die Ursache dessen, was sich hier und jetzt abspielt.“

 

Dieses letzte Zitat ist gewissermassen eine zentrale Stelle in diesem Buch, denn eine zentrale Sichtweise beruht auf der Tatsache, dass der Frank die Vergangenheit wie eine Kausalität sieht, die sich wie eine Stauwelle auf der Autobahn rückwärts bewegt, obwohl doch alle Autos nur nach vorne fahren. Zum Abschluss des Blogeintrages hier noch ein weiteres Zitat, welches mir auch sehr gut gefallen hat:

 

„Ich dachte darüber nach, in wie hohem Masse die Naturwissenschaft es sich zum Programm gemacht hat, absolut alles erklären zu wollen. Worin sich natürlich die Gefahr versteckt, allem gegenüber, das sich nicht erklären lässt, vollständig blind zu werden.“

 

Weitere Blogeinträge zu Büchern von Gaarder:

Das Kartengeheimnis, Das Orangenmädchen, Sofies Welt, Der Geschichtenverkäufer, Das Leben ist kurz, Durch den Spiegel in einem dunklen Wort, Hallo, ist da jemand?, Der seltene Vogel, Das Schloss der Frösche

Montag, 29. Dezember 2008

Der blaue Siphon – Urs Widmer

Heute ist ein fauler Tag. Nachdem ich erst spät aufgestanden bin, neben einem Kaffee eMails beantwortet habe, lies ich mir mal wieder die Wanne voll laufen schnappte mir dieses Buch von Urs Widmer und versank in den Fluten.

 

Wer kennt es nicht, das Gefühl im Kino zu sitzen und in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt, die einen mitunter noch ein paar Stunden nach dem Kinobesuch gefangen halten kann. So ähnlich und wohl doch anders ergeht es dem Autor und Ich-Erzähler dieser Geschichte, welcher zusammen mit seiner Frau Isabelle und Tochter Mara im Zürich der frühen 90er Jahre lebt.

 

Nun muss ich aber wohl erklären, was ich mit ‚so und wohl doch anders’ meine. ‚So’ weil er ebenfalls nach einem Kinobesuch in eine andere Welt versunken war. Eigentlich war es durchaus seine eigene Welt - nur eben 49 Jahre früher. ‚Anders’ weil er auf magische Weise durch seine alte Welt schreitet und mit ihr in einer Art und Weise wechselwirkt, wie er es nur könnte, wenn er sich real in ihr befindet. Doch spätestens, als er beim Weg zurück in seine jetzige Welt nicht alleine durch die Türe der Zeit schreitet, verliert sich der Konjunktiv im vorherigen Satz.

 

‚Der Blaue Siphon’ ist ein interessantes Buch, welches am Anfang etwas Konzentration erfordert, um die Zeitbezüge zu verstehen und richtig einzuordnen. Schnell wird das Prinzip jedoch klar und es liest sich flüssig und interessant. Und doch hat mich das Buch nicht so stark angesprochen, wie es das mit dieser Geschichte hätte tun können. Über viele Stellen hinweg fand ich es fast zu sachlich erzählt. Oft hätte ich mir gewünscht ein wenig in den Gefühlen der Menschen zu verweilen, ihnen zu folgen, sie auch auf dieser Ebene zu verstehen. Wer bekommt denn schon die Chance seinem Kindermädchen, in welches man verliebt war, als erwachsener Mann in ähnlichem Alter gegenüber zu stehen oder seiner zukünftigen Frau im Alter von zwei Jahren zu begegnen. Hier hätte ich mir mehr erwartet, denn das Gerüst der Geschichte ist wunderbar und würde so viel mehr Potential bieten.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Gut gegen Nordwind – Daniel Glattauer

Eigentlich wollte Emmi Rothner lediglich ihr Abonnement einer Zeitschrift aus dem ‚Like’ Verlag kündigen. Doch beim Tippen der eMail-Adresse war die linke Hand der ehemaligen Linkshänderin schneller als die Rechte, was dazu führte, dass sie mit Leo Leike in Kontakt kam. Ein Kontakt, der die ersten Monate eher spärlich verläuft. Doch mehr oder weniger zufällig und ohne jede Intention, entwickelt sich ein immer intensiverer eMail Verkehr, welche das Leben der beiden Unbekannten immer stärker beeinflusst und steuert.

 

»Im Ernst: Eine Frau, die über uns sagt: „Wenn es gut für Dich ist, ihr zu schreiben, dann schreibe ihr“, die ist kilometerweit von dem entfernt, was ich unter Liebe verstehe. Marlene liebt Leo nicht. Leo liebt Marlene nicht. Beide Nicht-Liebenden schöpfen aus der Sehnsucht nach der Liebe des anderen ihre Leidenschaft. So, klüger kann ich’s nicht. Ich muss jetzt arbeiten. Bis bald. Emmi, die virtuelle Alternative.«

 

Mich hat das Buch schon nach den ersten Seiten gefesselt und so war ich schon etwas traurig, als ich nach 3 ½ bereits die letzte Seite umblätterte. Es ist witzig und geistreich geschrieben und lässt vor den Augen des Lesers, der lediglich Zeuge der eMails zwischen den Beiden ist, ein Bild aus den Farben der Sehnsüchte, der Ängste und der Menschlichkeit auf einer Leinwand der Virtualität entstehen. Ein wirklich tolles Buch, welches sich einerseits flüssig und total einfach liest und andererseits doch sehr viel über uns Menschen und unsere Sehnsüchte aussagt. Unbedingt lesen!

 

Lustig ist vielleicht auch noch, dass ich dieses Buch von jemandem empfohlen bekommen habe, die ich ebenfalls auch nur virtuell kenne ;-)

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Als das Meer verschwand – Brad McGann

Eigentlich hatte ich heute Abend vor früher ins Bett zu gehen, denn auch die letzten Tage ist es eher später geworden. Doch als ich aufwachte und so langsam zu mir kam, lag ich auf dem Sofa im Wohnzimmer und betrachtete, ohne das Bewusstsein einen Film zu sehen, die Bilder im Fernsehen vor mir. Zwar erstreckte sich diese Phase zwischen Schlaf und Film in realer Zeit gemessen wohl nur über ein paar Momente. Doch diese Momente genügten, um mich in einem Zustand zu halten, in dem man fast wie verwachsen mit den Bildern, den Stimmungen und Gefühlen der Schauspieler von der Handlung des Filmes hinfortgetragen wird.

 

Es war die Ruhe und Stille, speziell der Momente, in denen Paul und Celina sich zwischen all den Büchern gegenüber sassen, die jeglichen Lärm des Alltags durchbrach. Es genügten oft wenige Worte oder Gesten um das auszudrücken, was die Charaktere in sich bargen und so waren es oft die wortlosen Momente zwischen den Dialogen, die eine tiefe Empathie erst ermöglichte. Aber nun zum Inhalt des Films.

 

Nach 17 Jahren, in denen Paul als Kriegsberichterstatter weit weg ab seiner Heimat lebte, ist es die Beerdigung seines Vaters, die Paul zurück in seine Heimat bringt. Eine Heimat, in der die Uhren langsamer zu gehen scheinen als im Rest der Welt. Eine Heimat, deren Einwohner ihn alles Andere als willkommen heissen. Doch es ist weniger die Unterschiedlichkeit der beiden Welten, als die eigene Geschichte, die Paul auf stillen Füssen zurück in die Heimat folgt, welche eine stille Feindseligkeit heraufbeschwört. Inmitten dieser Stimmung lernt Paul Celia, die Tochter seiner früheren Freundin kennen. Es entsteht eine tiefe Freundschaft, die von vielen argwöhnisch beäugt wird und so werden auch schnell eben diese Stimmen laut als Celia spurlos verschwindet.

 

‚Als das Meer verschwand’ ist ein ruhiger Film. Ruhig in der Art, wie er erzählt wird, ruhig und sensibel in seinen Bildern und Tönen. Es ist ein Film, der eine Atmosphäre jenseits der fast schon üblich gewordenen Effekthascherei entstehen lässt. Es ist fast schon erstaunlich, um wie viel stärker die Tragik uns berührt, wenn sie uns nicht ob ihrer Gegenwart zu überzeugen versucht, sondern einfach nur anwesend ist. Oftmals scheinen es die leisen Worte und Gesten zu sein, die unsere grösste Traurigkeit und tiefste Melancholie am besten beschreibt.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Die letzte Liebe des Monsieur Armand – Françoise Dorner

Die Einsamkeit hat viele Gesichter und zweien davon begegnen wir in dieser kurzen Geschichte von Françoise Dorner. Zum einen ist da der seit einiger Zeit pensionierte Monsieur Armand, der früher für seine Bücher und die Philosophie gelebt hat, dem jedoch all dies nach dem Tot seiner Frau nichts mehr geben kann. Zum anderen treffen wir auf die 20 jährige Pauline, die auf der Suche nach Geborgenheit und menschlicher Nähe unermüdlich neue Anläufe macht, nur um sich kurz danach wieder enttäuscht zurück zu ziehen. Diese beiden so unterschiedlichen Charaktere treffen bereits auf den ersten Seiten des Buches zusammen und gehen schnell eine Art Symbiose miteinander ein, bei der der Leser, sollte er deren Natur benennen, wohl immer wieder zwischen einer Art von Liebe und einer Zweckgemeinschaft schwanken würde.

 

»Nocheinmal dachte ich über unsere Begegnung nach. Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über Alles stellt, Herz und Güte der moralischen Pflicht opfert, während die Andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiß, ohne daß Mißverständnisse  aufkommen.«

 

Eigentlich, so mag man am Anfang meinen, haben beide ihr Rezept gefunden um sich im Leben zurecht zu finden, doch über die Seiten des Buches hinweg erfahren wir immer mehr über die Risse im Bild, dringen immer tiefer in den eigentlichen Menschen mit all seinen Sehnsüchten und Ängsten ein und langsam wird offensichtlich, dass beide in ihrer Situation gefangen sind. Nicht weil sie nicht wissen, wie sie ihr entrinnen sollen, sondern weil sie nicht bemerken, dass sie gefangen sind. Doch beide scheinen katalytisch aufeinander zu wirken und so fangen sie an zu erahnen, welche neuen Wege sich ihnen öffnen sobald sie liebgewordene Erklärungsmuster und Gewohnheiten hinter sich zurück lassen um Neues auf sich wirken zu lassen.

 

Für mich wirkte das Buch nicht über seine Sprache, denn diese ist schnörkellos direkt und an manchen Stellen schon fast un-empathisch beobachtend, doch genau diese Sicht- und Erzählweise erlaubt es dem Leser und später auch den Protagonisten, die eigenen (irr-) Wege zu erahnen um sich auf Neues einzulassen. Natürlich war dies ein sehr grosser Unterschied zu dem letzten Buch welches ich gelesen habe (Das Spiel des Engels), denn hier übernimmt die Sprache einen grossen Teil der Dramaturgie. Von daher hätten mir Monsieur Armands und Paulines Einsichten wohl näher kommen können, wenn ich ihnen zu einer anderen Zeit begegnet wäre. Doch trotzdem hat mir dieses Buch gut gefallen. Einzig beim Schluss frage ich mich, ob es nicht noch, auf erzählerischer Ebene elegantere und auf inhaltlicher Ebene konstruktivere Wege gegeben hätte, wie die Protagonisten ihre Einsichten hätten umsetzen können. Und trotzdem ist es ein lesenswertes Buch.