Dienstag, 7. April 2009

Existenzielle Psychotherapie – Irvin D. Yalom

Gestern Nachmittag lag ich in der Sonne am See, genoss das Geräusch des plätschernden Wassers, die aufblühende Landschaft und die Freude der Leute um den einziehenden Sommer. In dieser angenehmen Umgebung habe ich dann auch die finalen Seiten des Buches gelesen, welches mich die letzten zwei Wochen stark beschäftigt hat (und vermutlich auch noch lang beschäftigen wird).


Nach den beiden Romanen (Die Schopenhauer-Kur sowie Und Nietzsche weinte), welche ich von Yalom gelesen habe, hatte ich Lust auf dieses Werk bekommen, denn es ist einerseits Yaloms Erzählstil, der sehr viel Kurzweiligkeit in seine Texte bringt, sowie seine Sichtweise auf unsere Welt, die ich in vielen Dingen sehr bereichernd und erfrischend finde. Zwar darf man Yalom durchaus zur Gilde der Analytiker zählen, doch er schafft es, das stark Vergangenheitsgeprägte und deterministische Weltbild der Analytik zu entwurzeln und in einem, für unsere Zeit fruchtbareren Boden neu anzusiedeln.

So spricht Yalom selbst auch nicht von einer neuen formellen Schule, geschweige denn einer neuen Organisation mit Namen 'Existenzielle Psychotherapie'. Vielmehr erkennt er das Potential des Handwerkszeugs verschiedener Psychotherapeutischer Schulen (obwohl er klar analytisch denkt und agiert, geht er doch des Öfteren in andere Ansätze wie Gestalttherapie oder systemische Therapie über und beleuchtet auch diese) an, legt ihnen jedoch eine neue existenzielle Sichtweise zu Grunde. Eine Sichtweise, die in meinen Augen der heutigen Gesellschaft um einiges gerechter wird, als die Sichtweisen der klassischen Analytik, die parallel zum Ausbruch des Fin de Siècle aus einer fast schon Viktorianisch geprägten Gesellschaftsordnung entstanden ist.

Aus was besteht also dieser neue Boden? Für Yalom sind es ganz existenzielle Dinge wie Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit, mit denen wir als Menschen schon sehr früh konfrontiert werden und somit auch bereits in diesen frühen Jahren lernen müssen damit umzugehen. Oft bewältigen wir diese herausfordernde Aufgabe, indem wir die Angst, die von solch existenziellen Dingen ausgeht, in eine konkrete Furcht umwandeln, welche sie fassbar und handhabbar macht. Aufgrund der Tatsache, dass sich der Mensch jedoch weiterentwickelt, entsteht aus dieser Übersetzung von Angst in Furcht eine Verschiebung, die meist wachstumshemmend wirkt. Die daraus entstehende Dynamik der Wachstumshemmung versucht Yalom mittels seines existenziellen Ansatzes an die Wurzeln der Angst zurückzuführen, um sich dieser Angst erneut, aber diesmal mit einer grösseren Weisheit und Mächtigkeit zu stellen, als man das im frühen Alter konnte. Nun erkennt man auch, dass es sich nicht um eine neue psychologische Methode handelt, sondern um bewährte und bekannte Methoden verschiedener Richtungen, welche im Lichte einer neuen Fragestellung (Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit) breitere Farbenvielfalt zeigen.

Im Folgenden geht Yalom sehr detailliert auf jedes der vier Themenbereiche ein. Im ersten und längsten Kapitel über den Tod beleuchtet er das Faktum, dass der Mensch sehr viel Lebensenergie darauf verwendet, die Todesangst, welche sich schon in frühen Jahren gebildet hat, zu verleugnen. Auf der Basis der weit reichenden Wirkung dieser Angst beschreibt Yalom plastisch an vielen klinischen Beispielen, wie verzwickt die sich daraus ergebenden Verschiebungen sein können und wie aufmerksam ein Psychotherapeut im Gegenzug sein muss, um sich dieser Thematik erfolgreich zu nähern. Über die Jahre hinweg haben sich jedoch für Yalom zwei Grundtypen dieser Verschiebungen herauskristallisiert.

Zum Einen ‚Der Glaube an die eigene Unverletzlichkeit und Besonderheit’ und dem daraus resultierenden Streben nach Autonomie, Macht, Effizienz und Kontrolle. Also Werte, die man in vielen Bereichen unserer Gesellschaft antrifft und die durchaus Schatten ein und desselben (existenzialistischen-) Feuers sein mögen.

Zum Anderen beschreibt Yalom ‚Den Glauben an den letzten Retter’, der ursprünglich stark im religiösen Kontext zum Tragen kommt, sich jedoch in der heutigen säkularen Gesellschaft auch auf andere Weise bemerkbar macht. So tritt heute oftmals ein Partner, die Eltern oder ein anderes (manchmal schwächeres, manchmal stärkeres) Individuum an die Stelle des letzten Retters, oder wird sogar vom Patienten dorthin berufen, ohne sich im Genauen über diese Funktion bewusst zu sein.

Wenn man speziell die Verschiebung 'des letzten Retters' betrachtet, so kommt man schnell zum zweiten grossen Teil in Yaloms umfassenden Werk - der Freiheit. Denn parallel mit dem Aufbau eines pathologischen Machtgefälles, welches Grundlage für diese Lebensbewältigungsstrategie ist, geht die Ablehnung der Verantwortung für sein eigenes Leben einher. In mir bis daher nicht bekannter Plastizität, führt Yalom einerseits in diese existenzialistische Sichtweise anhand verschiedener literarischer texte ein, während er gekonnt den Bogen in die Psychotherapie spannt und diesen mit wirklich interessanten Fallbeispielen untermauert. Es ist wunderbar zu lesen, wie Yalom die philosophischen Ansätze von Denkern wie Nietzsche, Camus, Sartre (1, 2, 3, 4, 5) oder Heidegger mit alltäglichem Menschenbezug anreichert und sie so in meinen Augen regelrecht vervollständigt. Jeder, der den Texten der oben genannten Philosophen etwas abgewinnen kann, wird von diesem Kapitel begeistert sein. Für mich waren die Texte zur Freiheit, oder besser gesagt, deren Bedrohung der art, dass sie uns die volle Verantwortung für unser Leben in lediglich unsere beiden, manchmal schwachen, Hände legt enorm interessant.

Im Abschnitt über die Isolation beleuchtet der Autor neben der interpersonalen und intrapersonalen Isolation hauptsächlich die spezielle Form der existenziellen Isolation und zeigt ihre möglichen Ausdrucksmöglichkeiten durch eine der vorherig genannten Arten der Isolation. Eng verwandt mit der Last der Freiheit, die wir zu manchen Zeiten gerne in die Hände Anderer, uns wohl gesonnener Menschen legen würden, ist auch die Last der letztendlichen Einsamkeit mit sich selbst, die nur vordergründig durch die Anwesenheit eng verbundener Menschen gelindert wird. Yalom zeigt auch hier wieder anhand eindrücklicher klinischer Fallbeispiele und vieler Referenzen, dass es tatsächlich eine Grundlage für eine wachstumsorientierte Beziehung zu anderen Menschen ist, diese existenzielle Angst der Isolation und die anderen Arten der Isolation zu entflechten und diese als das zu erkennen, was sie wirklich sind.

Der letzte grosse Abschnitt in Yaloms Werk widmet sich dem Sinn, oder in seiner pathologischen Ausprägung, der absoluten Absenz des Sinnes, wobei er sich stark auf das Gedankengut von Viktor Frankl bezieht. Hier hätte ich mir durchaus noch einige andere Gedankenkonstrukte gewünscht. Was jedoch sehr interessant war, war Yaloms Sichtweise auf die Genese Frankls Theorie und somit deren Fokussierung. Durch Yaloms Bemerkungen zu Frankls Gedankenkonstrukt hat sich dieses für mich enorm geweitet und auch etwas den Anschluss an andere, für mich interessante Konstrukte, gefunden.

Von Aufbau, der Struktur und Schreibweise ist Yaloms Werk sehr verständlich und interessant aufgebaut. Jedes der vier grossen Kapitel enthält eigene Kapitel oder Abschnitte über die Einführung in die eigentliche Thematik, die Wirkungsweise und das Erkennen der diversen Symptomatiken, sowie die Diskussion eines möglichen therapeutischen Ansatzes. Doch die Fülle an Information und die weitreichende Natur der Gedankenkonstrukte fordert den Leser in besonderer Weise. Dies ist jedoch alles andere als eine aufkeimende Kritik an einem für mich phantastischen Einblick in eine, mir sehr heimisch fühlende Sichtweise auf den Menschen der heutigen Zeit. Ein wirklich bereicherndes Buch, welches ich jedem, der sich für Psychotherapie und/oder Philosophie interessiert nur ans Herz legen kann.

 

Samstag, 4. April 2009

Panic – Henry Bromell

Der Film ist gerade fertig und ich höre noch die letzten Töne des Abspanns, sehe die letzten Bilder von Vater und Sohn und spüre die letzten Tränen, wie sie langsam auf meinen Wangen trocknen.


Eigentlich hab ich denFernseher nur aus Langeweile angestellt und hatte nicht wirklich vor Fern zu sehen. Typischerweise zappe ich in solch einer Stimmung etwas herum, bis ich dann einschlafe. Doch bereits die ersten Bilder dieses Films zogen mich so in ihren Bann, dass ich die Fernbedienung weg legte, alle Lichter ausschaltete und die Bilder auf mich wirken lies.

Alex (William H. Macy) besitzt zwei Berufe. In seiner Wohnung betreibt er einen kleinen Versandhandel und vertreibt Küchenutensilien genau so wie Erotik-Artikel. Den wahren Unterhalt für seine Familie verdient Alex jedoch mit seinem zweiten Beruf: Er tötet Menschen. Gelernt hat er diesen Beruf von seinem Vater, der immer noch die Geschäfte führt und für den Alex seit seiner Jungend arbeitet. Doch je mehr Alex’ eigener Sohn auf das Alter zugeht, in welchem Alex das erste mal eine Waffe abfeuerte, desto mehr schlägt seine fast angeboren erscheinende Dysthymie in eine tiefe Krise um.

Um sich seiner selbst wieder habhaft zu werden, wendet sich Alex an einen Psychoanalytiker, in dessen Wartezimmer er Sarah (Neve Campbell) trifft, deren geheimnisvolle und melancholische Leichtigkeit ihn in ihren Bann zieht. Doch als ein paar Wochen später sein Vater ihm den Umschlag mit den Unterlagen für seinen neuen Auftrag überreicht beginnt der Auftakt für ein dramatisches Ende.

In vielen Stellen hat mich dieser Film an ‚Lost in Translation’ erinnert. Da ist zum Einen der traurig sentimentale Gesichtsausdruck, den Bill Murray und William H. Marcy sich teilen. Zum Anderen ist es sicher auch das Zusammentreffen des Familienvaters mittleren Alters und dem jungen Mädchen, das die sonst so transzendenten Themen Sinn und Freiheit für den Zuschauer unterschwellig greifbar macht, ohne sie je direkt anzusprechen. Aber vor Allen Dingen sind es die phantastischen Bilder, die langsamen, fast schon behutsamen Einstellungen und die wirklich passende Musik, die ein intensives Gefühl von dem vermitteln, was nie wirklich direkt ausgesprochen wird.



Samstag, 28. März 2009

Traumnovelle - Arthur Schnitzler

Als ich neulich abends gelangweilt im Wohnzimmer sass und etwas rumzappte, bin ich auf den Film 'Eyes Wide Shut' gestossen, der gerade lief. Das erinnerte mich daran, dass ich schon lang mal die Traumnovelle lesen wollte und so habe ich sie mir dann auch gleich bestellt. Den Film hab ich aber trotzdem zu Ende geschaut und obwohl ich Tom Cruise nicht wirklich mag, muss ich sagen, dass der Film wirklich spannend gemacht ist.

Das Buch ist ähnlich spannend und entführt uns in fast die gleiche Zeit, in welcher auch das letzte Buch spielt, welches ich gelesen habe. Noch mehr als bei 'Und Nietzsche weinte' fällt dem Leser jedoch die Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Wien auf. Schon allein diese Sprache versetzt den Leser zurück in die Zeiten der Kopfsteinpflaster über welche die Droschken der Nobelleute ratterten und im Schein der Gaslaternen ihre Schatten in die Strassen warfen. Die Zeit der grossen Entdeckungen in Medizin, Ingenieurswesen und anderen Wissenschaften, aber auch die Zeit des Fin de Siècle und die damit einher gehende ausgeprägte Dekadenz und Wollust. Und genau in diesem Spannungsfeld spielt die Novelle von Schnitzler auch.

So beginnt die Novelle mit dem Geständnis von Albertine, Fridolins Frau, welche ihm ihre erotischen Gefühle oder Phantasien gesteht, in welchen er nicht Objekt ihrer Begierde war. Zwar erwidert Fridolin Albertines Offenheit und gibt ihr einen Einblick in seine Welt, doch wirkt Albertines Geständnis tiefer in ihm, als er sich zuerst eingestehen mag.

Getrieben von dieser Kraft durchstreift Fridolin im Verlauf der Novelle die verschiedensten Situationen, die alle samt auch Stationen eines Traumes hätten sein können. Stationen an denen sich der Reisende selbst existenziell hinterfragt und immer tiefer in sich selbst vordringt. Stationen, in denen der Charakter Fridolins aus verschiedenen Sichteisen beleuchtet wird. Situationen, die für mich wirklich anschaulich den Zeitgeist des damaligen Wiens illustrieren.

Und wie in einem Traum verschwimmt auch die Realität mit dem was hätte sein können, so dass die Phantasie des Lesers am Ende der Novelle stärker genährt ist als die Befriedigung der Neugier.

Mir hat das kleine Büchlein von gerade mal 100 Seiten sehr gut gefallen. Obschon die Sprache zuerst ungewöhnlich wirkt ist der Text dennoch gut und flüssig zu lesen und man taucht wirklich in eine vergangene Welt ein. Schön.

Mittwoch, 18. März 2009

Und Nietzsche weinte - Irvin D. Yalom

Eigentlich sind sich Friedrich Nietzsche und Josef Breuer im wahren Leben nie begegnet und doch baut Yalom basierend auf dieser fiktiven Begegnung einen erstaunlichen Roman auf. Dieser führt uns zurück in das Wien des Fin de Siècle wo wir Zeugen der (fiktiven) Entstehung der analytischen Psychotherapie werden. Eigentlich stand dieses Buch schon lange auf meiner ‘will ich noch lesen Liste’, doch der fliessende Übergang zwischen Realität und Fiktion hat mich immer wieder davon abgehalten dieses Buch ohne die genauere Kenntnis der Biographien von Nietzsche, Breuer und Salomé zu lesen. Durch einen Zufall ist mir dieses Buch jedoch wieder in die Hände gefallen und nun, nachem ich es verschlungen habe, bin ich froh meine vorherige ‘Verpflichtung der wahren Realität gegenüber’ aufgegeben zu haben. Gekonnt vermischt Yalom reale Begebenheiten und Fakten mit fiktiven verbindenden Elementen, so dass eine Geschichte entsteht, die sich gemessen an André Gides Ausspruch ‘Dichtung ist Geschichte, die hätte stattfinden können’ genau so hätte zutragen können.

Nun aber zum eigentlichen Roman. Breuer arbeitet als renommierter Arzt und Erfinder der völlig neuartigen ‘Redekur’ in Wien, als er unerwarteten Besuch empfängt. Lou Salomé, eine ehemalige Freundin Nietzsches, bittet Breuer diese neuartige Kur bei Nietzsche, welcher an Migräne und schwerer Depression leidet anzuwenden. Ungewöhnlich ist jedoch die Tatsache, dass er Nietzsche ohne dessen Wissen behandeln soll. In den Bann von Salomés Erscheinung gezogen, willigt Breuer ein und Lou Salomé arrangiert durch geschickte und listige Manipulation ein Treffen. Doch als schnell klar wird, dass ein alt hergebrachtes Ärzte/Patient-Verhältnis nicht zum Erfolg führen wird, bedient sich Breuer einer List. Er bittet Nietzsche ihn ob seiner eigenen Leiden existentieller Natur zu heilen.

“Seine Angst war eine schmerzende Wunde – bis zu dem Tage, an dem er die Lust als Mittel der Bändigung von Angst entdeckte. Dankbar gewährte er also der Lust Einlaß in sein Bewußtsein, und die Lust, welche keine Rivalinnen duldet, verdrängte alsbald schon alle anderen Gedanken.”

Nietzsche, dessen Philosophie sich genau diesen Themen widmet, einigt ein und so erkunden und entdecken die beiden Protagonisten ihre Psyche, die zwar verschiedenen Quellen entspringen, jedoch erstaunlicherweise auf symptomatischer Ebene sehr viele Parallelen aufweisen. Durch ihre gegensätzliche Herangehensweise und beider Überzeugung den Anderen heilen zu wollen, öffnen sie längst verschlossene Türen in sich selbst und wagen erste vorsichtige Blicke in die sich neu auftuenden Räume. Doch keinem der Beiden gelingt es wirklich, diese neuen Räume auch zu betreten.

"...Sie wollen Fliegen, doch man erfliegt das Fliegen nicht. Zuerst müssen Sie gehen lernen, und der erste Schritt hierzu liegt in der Erkenntnis, daß dem, welcher sich nicht selbst gehorcht, von anderen befohlen wird. Es ist leichter, weitaus leichter, anderen zu gehorchen, als sich selbst zu befehlen."

“Er begreift, daß der Wille machtlos ist gegen das »so war es«. Bin ich imstande, ihn zu lehren, wie das »so war es« in das »so wollte ich es« umzuschaffen ist?”

Erst als Beide ihre innerliche Überlegenheit sowie ihre Überzeugung den anderen heilen zu wollen aufgeben,  kommt es zu einem für beide fruchtbaren Dialog. Aufgrund der Tatsache, dass Nietzsche stark vom Kopf her argumentiert, während Breuer aus der Position des Verfechters der Intuition spricht, haben mich diese Stellen immer wieder an die Unterhaltungen erinnert, welche sich laufend zwischen unserem Kopf und Bauch ergeben. Nur wenn beide sich auf die gleiche Ebene begeben und ihr eigenes Selbstverständnis einer gemeinsamen Demut(*) unterwerfen, werden sie sich auf einer Ebene treffen so dass ein Austausch unter Gleichberechtigten stattfinden kann.

‚Und Nietzsche weinte’ weisst sehr viele Parallelen mit ‚Die Schopenhauer-Kur’ auf. Ganz zentral im Mittelpunkt steht auch hier wieder das Verhältnis zwischen Patient und Therapeut, welches Yalom (so gesehen der Heissenberg der Psychotherapie) auf eindrückliche Weise als Wegbegleiter und nicht als Berater porträtiert. Auch die potentiell heilende Wirkung der Philosophie (sofern man sie in die Praxis umzusetzen vermag) sowie die reichlich enthaltenen Einblicke in die Welt der Psychotherapie sind weitere verbindende Elemente.

Aber der Roman besticht auch durch seine Sprache. Schon nach wenigen Seiten hat man den Eindruck im Wien des späten 19. Jahrhunderts zu sein. Und doch ist der Roman sehr leicht und flüssig zu lesen und wirkt trotz des Spagates zwischen historischer Realität und sinngebender Fiktion sehr natürlich und wenig konstruiert. Ein Buch, welches ich absolut empfehlen kann. Zum Schluss noch einige der vielen Zitate, welche mir gefallen haben.

“Locken? Ich weiß es nicht. Darauf weiß ich keine Antwort. Ich liebe die Gefahr nicht! Wenn mich etwas lockt, dann nicht die Gefahr – eher das Entkommen, und zwar nicht der Gefahr, sondern der Sicherheit. Vielleicht habe ich zu sicher gelebt! Wer weiß, Josef, ob ein sicheres Leben nicht tatsächlich gefährlich sei. Gefährlich tödlich.”

“Wir Skeptiker haben unsere eigenen Feinde, unseren eigenen Teufel, der unsere Skesis unterhöhlt und die Saat des Glaubens in die unvermutetsten Winkel streut. Also töten wir die Götter, sprechen jedoch die Lückenbüßer heilig – Lehrer, Künstler, schöne Frauen”

„Aber Friedrich, müssen wir Forscher nach Wahrheit, um die Wahrheit zu ergründen, nicht aller Illusion abschwören?“
„WAHRHEIT großgeschrieben!“ rief Nietzsche. Nur vergaß ich zu sagen, Josef, daß die Forscher nach Wahrheit eines noch lernen müssen: daß nämlich auch die WAHRHEIT eine Illusion ist – allerdings eine, ohne die wir nicht leben können.“


(*) Ich verwende den Begriff Demut hier nicht im religiösen Kontext sondern im Sinne Fromms, für den die Demut die der Vernunft und Objektivität entsprechende emotionale Haltung als Voraussetzung der Überwindung des eigenen Narzissmus bedeutet.

Donnerstag, 5. März 2009

Die Schopenhauer-Kur – Irvin D. Yalom

Julius Hertzfeldt ist 65 Jahre alt und geniesst einen ausgezeichneten Ruf als Psychoanalytiker bei Kollegen wie auch Patienten. Seit dem Tod seiner Frau vor viele

n Jahren, fand er grosse Erfüllung in seiner Arbeit und der Passion anderen Menschen zu helfen. Doch all das gerät aus den Fugen als er die Diagnose eines bösartigen Krebsleidens erhält, welches ihm lediglich noch ein Jahr zugesteht.

 

Schnell kristallisiert sich aus der aufkeimenden Frage nach dem Sinn seines Lebens die Frage nach den nachhaltigen Erfolgen seines Wirkens als Psychotherapeut. Sicher hatte er vielen Menschen vordergründlich helfen können, dem war er sich sicher. Doch irgendetwas trübt diese Gewissheit.

 

"Hast du deinen Patienten wirklich und wahrhaftig geholfen? Vielleicht hast Du einfach nur gelernt, dir die Patienten auszusuchen, denen es auch von selbst besser gegangen wäre."

 

Getrieben von seiner Antwort nach dieser Frage, die ihm wie ein Stachel im Fleische seiner Selbst sitzt, nimmt Julius Kontakt mit Philip Slate, einem ehemaligen Patienten auf. Als er erfährt, dass Philip, welchen er über Jahre hinweg erfolglos von seiner Sexsucht zu therapieren versuchte allein durch die Lektüre Schopenhauers vollständig von seinem Leiden geheilt wurde ist Julius' Interesse geweckt.

 

"Die Schopenhauer-Kur" ist ein intelligenter Roman, welcher zwischen den Polen der Philosophie und der Psychologie ein breites Betätigungsfeld für die menschliche Sinnsuche entstehen lässt. Wie ein Pendel zwischen diesen beiden Polen führen meist alternierende Kapitel in die am Anfang völlig antagonistisch erscheinenden Welten der Schopenhauerschen Philosophie und der Gruppentherapie ein.

 

Geschickt webt Yalom all diese Aspekte in eine interessante und spannende Handlung mit ein, welche einen fesselt und viele der theoretischen Konstrukte und Prinzipien sehr kurzweilig und interessant erscheinen lässt. Ein interessanter Einblick in die Welt der Philisophie speziell von Kant über Schopenhauer bis hin zu Nietzsche und deren Verbindung über Freud bis in die moderne Analytik. Ein wirklich tolles Buch, für welches man ein Ausspruch Zarathustras  folgendermassen umschreiben könnte:

 

"War das das Buch (Orig.: Leben)? Nun denn, noch einmal!"

Samstag, 21. Februar 2009

Fields of the Nephilim

Vor einiger Zeit bin ich durch Zufall auf ‚Fields of the Nephilim’ gestossen und mittlerweile gehören sie mehr oder weniger zu meinem ‚Standart Repertoire’, welches ich des Öfteren höre. Grund genug ihnen einen Blogeintrag zu widmen.

 

 

Das Wort Ha-Nephillim kommt eigentlich aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie ‚Der Fäller’ oder ‚Der zu Fall bringende’ und entstammt der altisraelischen Mythologie. Später wurde der Ausdruck meist mit ‚Gefallener Engel’ übersetzt. Die Band wurde 1983 gegründet, 1991 aufgelöst und 2005 wiedervereinigt. Besonders die mystische und geheimnisvolle Stimmung ihrer Songs hat es mir angetan.

 

 

Ich bin gespannt, ob diese Art von Musik ihre Anhänger unter den Bloglesern findet ;-).

Sonntag, 8. Februar 2009

Zeit des Mondes – David Almond

In letzter Zeit hat sich sehr viel in Michaels Leben ereignet. Seine Schwester ist viel zu früh und dann noch mit einem lebensbedrohlichen Herzfehler zur Welt gekommen. Und dann ist seine Familie noch aus dem gewohnten Umfeld in ein altes und sehr renovierungsbedürftiges Haus umgezogen. Obwohl er noch in seiner alten Schule geblieben ist um seine Freunde zu behalten, fühlt sich Michael in seiner neuen Umgebung noch überhaupt nicht zu Hause. Auch seine Eltern haben wenig Zeit für ihn, denn seine wird durch seine todkranke Schwester absorbiert und sein Vater arbeitet bis spät in die Nacht an ihrem neuen Zuhause, damit sie als Familie bald ein neues, freudigeres Kapitel in ihrem Leben umschlagen dürfen. Keine leichte Situation für einen zwölfjährigen Jungen, der in einer Umbruchphase seines Lebens immer wieder zwischen seinen Gefühlen, seinem Drang sich bei seinen Freunden zu beweisen und seinem Entdeckergeist hin und her balanciert.

 

Doch der neue ort birgt auch Überraschungen. So lernt Michael relativ schnell nach dem Umzug das Nachbarmädchen Mina kennen. Sie lebt im Haus nebenan alleine mit ihrer Mutter und geht nicht zur Schule, denn ihre Mutter unterrichtet sie selbst. Schnell baut sich eine enge Freundschaft zwischen den Beiden auf, die Michael auch gegenüber seinen Freunden vehement verteidigt.

 

Doch die grösste Überraschung wartet in dem alten baufälligen Schuppen neben dem Haus auf Michael. Obwohl dieser stark einsturzgefährdet ist und seine Eltern ihm strengstens verboten haben ihn zu betreten, lässt Michaels Neugier keine Ruhe. Er erkundet die Garage und entdeckt zwischen alten Kommoden, Teekisten und anderem Gerümpel ein seltsames Wesen.

 

»Ich dachte, er sei tot. Er saß mit ausgestreckten Beinen da, sein Kopf war nach inten gegen die Wand gelehnt. Er war mit Staub und Spinnweben bedeckt wie alles Andere und sein Gesicht war dünn und blass. Tote Schmeißfliegen lagen auf seinen Haaren und Schultern.«

 

Doch schnell begreift Michael, dass von diesem Wesen keinerlei Gefahr ausgeht und er und Mina freunden sich sogar mit Skellig, denn so heisst das Wesen, an. Sie päppeln es auf und sorgen dafür, dass es wieder zu Kräften kommt und machen dabei eine weitere Entdeckung.

 

„Zeit des Mondes“ ist ein sehr einfühlsames Buch, welches Kinder im Alter von Michael, aber auch Leute im Alter von Baghira oder noch viel ältere Leute anspricht, denn das Gefühl der Leichtigkeit und den Wunsch auf eigenen Flügeln hinfortgetragen zu werden und die ganze Welt aus einer neuen Perspektive zu betrachten, ist uns Allen wohl so vertraut, wie das fast gleichzeitige Gefühl der Verbundenheit und Nähe mit den Menschen, die man liebt.