Hans Giebenrath ist der beste Schüler seiner Klasse, ja sogar der beste Schüler, den das Dorf bisher überhaupt gekannt hatte. Schon früh wird sich Hans dieser Tatsache bewusst und nimmt die Rolle des intellektuell überlegenen Kindes dankbar an. Als der Junge unter fast zweihundert ausgewählten Schülern aus dem ganzen Land das Landexamen als zweiter besteht, erwirbt er damit auch das Stipendium für die angesehene Klosterschule Maulbronn.
Dort wird er seinem Ruf ebenfalls gerecht und ist ständig bemüht als Primus abzuschliessen. Dies gelingt ihm auch bis er sich mit Hermann Heilner, einem Schüler seiner Klasse, anfreundet. Hermann gilt zwar als heimliches Genie unter den Mitschülern, doch interessiert sich dieser nicht für das verstaubte Wissen, welches hinter den Klostermauern vermittelt werden soll. Er interessiert sich vielmehr für die Lyrik und Poesie. Hermann widmet seine ganze Zeit der melancholischen Lyrik und wendet sich mit all seiner Kraft gegen die verknöcherten Regeln und Gepflogenheiten der Klosterschule. Durch seine Freundschaft zu Hermann gerät auch Hans schnell ins Abseits und da sein grosses Ziel Primus zu werden damit in unerreichbare Entfernung gerückt ist verliert er vollends den Halt und gibt sich auf.
Nach einer Zeit der Selbstfindung des jungen Hans glaubt man auch für kurze Zeit, dass er sich durch eine Lehre als Schlosser und eine erste (übrigens wunderschön beschriebene) Verliebtheit wieder eine Basis für sein neues Leben geschaffen hat. Doch die Basis hält den Anforderungen des Lebens nicht stand.
Obwohl ich dieses Buch nicht so gut wie die anderen Bücher von Hesse fand, die ich bisher von ihm gelesen habe ('Siddhartha', 'Demian' und 'Nur wer liebt, ist lebendig'), hat es mir doch gut gefallen. Hesse beschreibt eindrücklich, wie der Ehrgeiz eines ganzen Dorfes die Bahn eines Kindes derart vorspuren kann, dass dieses selbst keine Chance bekommt seine eigenen Wege zu finden. Eigentlich ist das Buch ein grosser Appell an die Menschen selbst den Weg zu suchen, der mit ihrer Seele im Einklang ist (Das ist übrigens auch das grosse Thema in Demian) oder, wie in diesem Fall, seine Kinder genau darin zu unterstützen, sie zu ermutigen und ihnen beizustehen.
Montag, 2. Juli 2007
Unterm Rad – Hermann Hesse
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Samstag, 30. Juni 2007
Der Trost von Fremden – Ian McEwan
Es ist Hochsommer in Venedig als Mary und Colin dort ihre Ferien verbringen. In vorgespurten Bahnen aus Missverständnissen und mangelnder Bereitschaft, wirklich aufeinander einzugehen, verbringen die Beiden ihre ersten Tage in der Lagunenstadt. Zwar lieben sie sich, doch lieblos sind ihre gemeinsamen Erlebnisse wie auch ihre abendlichen Ausflüge in jeweils ein neues Restaurant.Dies ändert sich jedoch schlagartig, als sie eines abends, vermeintlich zufällig, auf Robert treffen. Dieser lässt sich nicht abschütteln und führt sie in aller Beharrlichkeit in eine Bar in der die Drei sich näher kennen lernen. Es scheint auch genau nach diesem Barbesuch zu sein, als die Leidenschaft in Mary und Colin füreinander wieder neu entbrennt. Eine Leidenschaft wie sie ansonsten nur frisch verliebte kennen. Eine Leidenschaft nach Geborgenheit aber auch sexueller Extase und ausschweifenden Phantasien. So geben sich die Beiden in den folgenden Tagen diesen Phantasien und ihrer neu gewonnenen Leidenschaft hin und verdrängen dabei Robert und seine Frau Caroline, die sie ebenfalls kennen gelernt hatten.
Wären Mary und Colin nach diesen Tagen abgereist, wie sie es sich auch anfänglich überlegt hatten, so hätte das Buch auch als eine glückliche Liebesgeschichte enden können. Als sie jedoch wie von einer unsichtbaren Hand geführt wieder auf Robert und Caroline treffen, beginnt das Spiel der Phantasien in eine erdrückende Realität umzuschlagen. Eine Realität, in der Beiden erst viel zu spät bewusst wird, in welcher Gefahr sie schweben.
'Der Trost von Fremden' ist das erste Buch, welches ich von Ian McEwan gelesen habe. Es ist flüssig und spannend geschrieben. Zu Anfang erlebt man die Verfahrenen Muster einer Beziehung, die sich schon lange abgekühlt hat, hautnah mit und wird umso mehr von der neuen Leidenschaft, in der zweiten Hälfte des Buches gefesselt. Doch der Leser ahnt schon bald, dass diese Leidenschaft einen hohen Preis fordern wird.
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Donnerstag, 28. Juni 2007
Nur wer liebt, ist lebendig – Hermann Hesse
Die Bilder, die Hesse in den fünf Geschichten dieses Bandes entwirft, entstammen dem damals gerade begonnenen Jahrhundert (1900-1909). Dementsprechend antiquiert ist auch die Sprache, der er sich bedient. Und doch sind die Geschichten so schön geschrieben, dass es unheimlich Spass macht sie zu lesen und wir in eine, für uns fremde Welt von vor über hundert Jahren versinken. Eine Welt der Edelmänner, Künstler und Salonempfänge. Eine Welt mit vielen Umgangsformen, die uns so antiquiert erscheinen, dass sogar der in Gedanken geäusserte Wunsch des Protagonisten nach einem Kuss seiner Angebeteten als Frevel erscheint.
Und doch entdeckt man all das wieder, was wir auch aus unserer Zeit kennen. Die Gefühle des hin und her gerissen seins zwischen Mut und Schüchternheit, die Unsicherheit der Jugend (nur der Jugend?), die sich fragt, was die Angebetete wohl jetzt denken möge, die Leidenschaft und deren Verzweiflungstaten um gehört und gelebt zu werden.
Mir hat es unglaublich Spass gemacht die Geschichten zu lesen. Speziell die erste Geschichte, in der der 22 jährige Hesse seine unerwiderte Liebe zur Pianistin Elisabeth La Roche verarbeitet und entgegen dem damaligen wahren Leben sich kurzerhand zum bedeutenden Künstler erhebt und seinen Konkurrenten in Androhung eines Duells zur Raison bringt, finde ich wunderschön. Ein Buch, das es sich lohnt zu lesen!
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Sonntag, 24. Juni 2007
Milarepa – Eric-Emmanuel Schmitt
Simon träumt seit Jahren den gleichen Traum, doch erst eine unbekannte Frau in einem Kaffee bringt ihn auf die Fährte von Swastika und Milarepa. Als Simon dieser Fährte nachgeht entdeckt er die Wurzeln seiner Träume, welche Jahrhunderte in der Vergangenheit liegen.Milarepa, dem durch seinen Onkel Swastika einst grosses Unrecht zugefügt wurde, wendete sich vor vielen Jahrhunderten der dunklen Seite der Macht zu (Hmmm, vielleicht deutet meine Wortwahl doch auf verstärkten Genuss der Star Wars Trilogie hin). Je älter er jedoch wird, desto mehr versucht er dieser zu entrinnen und sich dieser dunklen Seite zu entledigen. Er wendet sich dem Guten zu und erkennt, dass es einfacher ist schlechtes zu Tun als Gutes zu schaffen.
Ich komme bei Schmitt wirklich nicht draus. Einmal schreibt er so fantastische Bücher wie ‚Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran’, ‚Oskar und die Dame in Rosa’, ‚Das Kind von Noah’ und dann schreibt er wieder total flache Bücher wie ‚Die Schule der Egoisten’ und dieses Buch. Milarepa konnte mich überhaupt nicht überzeugen und ich kann es auch absolut nicht weiterempfehlen.
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Sommer mit Fremden - Taichi Yamada
Eigentlich wollte ich ja heute in den Zoo gehen um ein bisschen zu fotografieren. Als ich allerdings erst am frühen Vormittag aufgewacht bin und es schön warm draussen war, habe ich mich entschlossen lieber an den See zu liegen und dort etwas zu lesen. So bin ich also in die Stadt gefahren, hab mir Sushi gekauft und es mir damit am See bequem gemacht und habe dort das Buch ‚Sommer mit Fremden’ von Taichi Yamada gelesen.
Nach der Trennung von seiner Frau, die Hideo Harada selbst vorangetrieben hatte, verfällt er in eine tiefe Melancholie. Zunehmend fühlt er sich der erdrückenden Stille seiner Wohnung ausgesetzt und fühlt sich schlussendlich von ihr bedroht.
An einem dieser Tiefpunkte lernt er Kei kennen. Als sie ihn eines Abends besucht, weisst er sie jedoch aus seinem eigenen Schmerz heraus zurück und verschanzt sich, unwissend ob der Tragweite der Zurückweisung, wieder in der Stille seiner Wohnung. Über die nächsten Tage und Wochen scheinen die Beiden sich jedoch näher zu kommen. Als Hideo jedoch bei einem Kinobesuch seinen vor mehr als 36 Jahren verstorbenen Vater begegnet beginnen Realität und Traumwelt ineinander zu verfliessen.
Es ist wirklich beeindruckend, wie Yamada die Situationen in der verschwimmenden Welt zwischen Schein und Realität beschreibt. Einerseits faktisch irreal und doch seinen Gefühlen folgend erlebt man eine Welt, die realer sich sein könnte und wird im nächsten Moment wieder vom Verstande ermahnt diese Welt als Scheinwelt zu entlarven.
Gegen Ende des Buches wird die Handlung zunehmend asiatischer und ich habe mich an einige Filme aus meiner Jugend, als wir noch in Singapur wohnten, erinnert gefühlt. 'Sommer mit Fremden' ist ein wirklich tolles Buch, welches ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.
Besonders haben mich jedoch die Schilderungen Yamada's getroffen, in der er die erdrückende Stille der Wohnung beschreibt, in der Hideo nun alleine lebt. Ich kenne genau dieses Gefühl. Als meine damalige Partnerin und ich uns im Januar 2003 nach acht Jahren getrennt haben, habe ich diese bedrohliche Stille auch erlebt. Es war eine verunsichernde Erfahrung, als ich damals, als erwachsener Mann, Angst hatte alleine in der Wohnung zu sein. Wie Hideo in dieser Geschichte knipste ich auch alle Lichter an oder schaute, wie ich es als Kind stets tat, vor dem ins Bett gehen unter mein Bett. Nur so konnte ich überhaupt einschlafen. Jemandem, der dies nicht selbst erlebt hat, wird dies wohl im besten Falle unerklärlich vorkommen - und doch war das Gefühl nach all den Jahren ohne Schutz alleine in der Welt zu stehen sehr real. Diesem Gefühl entstammt auch teilweise der Satz 'Ich fühle mich geborgen, wenn ich beschützen kann...', über welchen ich an meinem Geburtstag eine Kurzgeschichte geschrieben habe.
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Samstag, 23. Juni 2007
Musik
Vor einer Weile hab ich mir die restlichen Rammstein CDs bestellt, die ich noch nicht hatte. Darunter auch Rosenrot, auf der sich das Lied „Stirb nicht vor mir“ befindet. Mittlerweile ist es eines meiner Lieblingslieder geworden. Eigentlich ein untypisches Lied für Rammstein, denn ich kenne sonst kein weiteres Lied von ihnen, in dem eine Frau singt (Englischer Text). Die Rammstein Puristen mögen das vermutlich auch nicht so mögen aber mir gefällt es unheimlich gut. Es lohnt sich auf jeden Fall mal reinzuhören.
Stirb Nicht Vor Mir
Die Nacht öffnet ihren Schoß
Dabei ist mir aufgefallen, dass ich neben eigenen Texten, Büchern und Filmen auch eine neue Rubrik 'Musik' einrichten sollte. Mal schauen wie ich diese Rubrik in Zukunft füllen werde.
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Baghira
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Erinnerung an meine traurigen Huren - García Márquez
Nachdem ich nach der Arbeit heim gekommen bin und erstmal zwei Stunden geschlafen hab, da ich früh aufgestanden bin, hab ich mich dann doch dazu aufraffen können noch aufs Fahrrad zu steigen und einmal um den Flughafen zu fahren. Wie so oft machte ich nach den ersten 20Km einen kleinen Halt an der RWY28 und schaute den landenden Flugzeugen zu. Der Rückweg war etwas kalt, da die Sonne schon fast untergegangen war und so beschloss ich mir daheim ein Bad einlaufen zu lassen und noch etwas zu lesen. So kam es, dass ich fast 3h im Bad gelegen bin und dieses Buch gelesen habe. Eigentlich ein sehr schöner Auftakt für dieses Wochenende ;-)Er wird gerade 90, sie ist 14. Und eigentlich wollte er seinen Geburtstag lediglich mit einer libertinen Nacht begehen; Ganz im Sinne der vorangegangenen neunundachtzig Jahre, in denen er zwar sehr oft mit Frauen verkehrte aber jedes Mal dafür bezahlt hat. Doch diese Nacht verändert sein Leben, denn nach neunzig Jahren erfährt er das Wunder der ersten Liebe.
Es ist ein schweres Thema, das Márquez sich hier ausgesucht hat. Stellenweise unverblümt, aber dann doch wieder ansprechend verpackt, beschreibt er die Welt eines Neunzigjährigen, der gegen Ende seines Lebens dessen Sinn sehr nahe kommt. Zwar ist es die Liebe, die den Protagonisten dieses Romans auf die Fährte seines Glücks geleitet. Für mich geht der Roman jedoch darüber hinaus lediglich eine Liebesgeschichte zu beschreiben. Vielmehr beschreibt er die Sinnfindung eines Menschen, der sich sein Leben lang selbst nicht gefunden hat.
»Ich entdeckte, dass ich nicht aus Tugend diszipliniert bin, sondern als Reaktion auf meine Nachlässigkeit; dass ich mich großzügig gebe, um meine Kleinlichkeit zu verdecken, dass ich versöhnlich bin, um nicht meiner unterdrückten Wut anheim zu fallen...«
oder
»Die jungen Leute meiner Generation hatten, vom Leben beansprucht, ihre Jugendträume gänzlich aus dem Blick verloren, bis die Realität sie lehrte, dass die Zukunft nicht so war, wie sie einst erhofft hatten, woraufhin sie sich der Nostalgie hingaben.«
Alles in Allem hat mir dieses Buch, das Erste, welches ich von Marquez gelesen habe, ganz gut gefallen. Richtig mitreissen konnte es mich jedoch nicht.
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Baghira
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